Der virtuoseste Nerd der Welt macht sich ehrlich
Sechs Jahre. Für einen Musiker, der zuletzt mit „It Is What It Is“ ein Album voller stiller Trauer über den Tod seines Freundes Mac Miller veröffentlichte, ist das eine lange Zeit. Stephen Lee Bruner, der Mann, der als Thundercat zur Geheimwaffe des Kendrick-Lamar-Universums wurde und mit seinem Bass-Virtuosentum die Grenzen zwischen Jazz, Funk, Soul und HipHop spielerisch niederreißt, ist zurück.
„Distracted“, sein fünftes Studioalbum auf Brainfeeder, ist irgendwo zwischen Stanley Clarke, Steely Dan, Stevie Wonder und modernem HipHop angesiedelt – wobei Thundercat selbst das wahrscheinlich als viel zu ordentliche Schublade empfinden würde. Produziert großteils mit Greg Kurstin (Adele, Beck, Beyoncé) statt mit seinem langjährigen Partner Flying Lotus, klingt das Album glatter, poppiger, zugänglicher als seine Vorgänger – und trotzdem unverwechselbar nach ihm. Der Bass singt, der Falsetto schwebt, die Nerdreferenzen regnen auf einen nieder: Star Wars, Pokémon, Barbarella, Uhura aus Star Trek. Das ist kein Affektiertsein, das ist Thundercat.
Die Gästeliste ist beeindruckend – Tame Impala, A$AP Rocky, Channel Tres, WILLOW – doch das emotionale Zentrum ist der posthume Auftritt von Mac Miller auf „She Knows Too Much“. Ein Track, der vor Millers Tod aufgenommen, jahrelang in einem Tresor lag und nun fertiggestellt wurde: Mac ist reckless, witzig, lebendig. Ein echter Freund beim Flirten, beim Straucheln, beim Lachen.
Das Album ist kein einfacher Hörgenuss für nebenbei. Aber wer sich drauf einlässt, findet etwas Rares: einen 41-jährigen Virtuosen, der mit Humor, Schwermut und einem irren Groove über Ablenkung, Angst, Einsamkeit und Liebe erzählt. „Great Americans“ beschreibt einen kompletten Tag des Scheiterns – und endet mit den zwei Worten „I’m undiagnosed“. Das sitzt.

