Wo die Musik Grenzen vergisst
Bei Bongartz haben wir Christina Pluhar und ihr Ensemble L’Arpeggiata über viele Jahre immer wieder empfohlen – von der „Marienvesper“ bis zu „Himmelsmusik“ mit Philippe Jaroussky. Der Grund war stets derselbe: Pluhar interessieren keine Schubladen. Alte Musik ist für sie kein Museum, sondern lebendiges Material. Das gilt auch für „La Torre del Oro“, und diesmal reist sie weiter als je zuvor. Der Titel ist Programm: Benannt nach dem zwölfeckigen Goldturm am Hafen von Sevilla, von dem aus im 16. Jahrhundert die Schiffe der Konquistadoren in Richtung Neue Welt aufbrachen. Was sie zurückbrachten, war nicht nur Gold, sondern auch Musik. Genau diese Begegnung zweier Welten macht das Album zu etwas Besonderem. Pluhar verwebt Werke spanischer Komponisten – allen voran Alonso Mudarra (1510–1580) sowie Lucas Ruiz de Ribayas und Santiago de Murcia – mit Folklore und Eigenkompositionen aus Venezuela, Mexiko, Chile und Argentinien. Komponistinnen und Komponisten des 20. und 21. Jahrhunderts wie Violeta Parra, Pionierin der chilenischen „nueva canción“, stehen dabei auf Augenhöhe mit den Barockmeistern. Das klingt nach Konzept, und ja, das Konzept sitzt. Aber was einen wirklich packt, ist der Sound: keine Streicher, stattdessen Barockgitarre, Theorbe, die venezolanische Cuatro, Cembalo, Akkordeon, Maracas, Cornetto – ein Klangbild so warm und körperlich, dass man meint, die Salzluft des Guadalquivir zu riechen. Sängerin Luciana Mancini und Countertenor Vincenzo Capezzuto tragen das ihre bei, und concerti.de bringt es auf den Punkt: Die Leidenschaft fürs Repertoire ist allenthalben zu spüren. Ist das Klassik, Folk oder Weltmusik? Diese Frage stellt sich bei Pluhar schon lange nicht mehr. Sie spielt einfach.

