55 Jahre später brennt die Frage noch immer oder auch: Als Motown erwachsen wurde
„What’s Going On“, Marvin Gayes elftes Studioalbum, erschienen am 21. Mai 1971, ist ein Zeugnis, ein Gebet, ein Schrei – und gleichzeitig eines der schönsten Hörerlebnisse, die die Popgeschichte hervorgebracht hat. Jetzt, 55 Jahre nach der Veröffentlichung, lässt sich sagen: kaum ein anderes Album hat die Frage, wozu Popmusik fähig ist, radikaler und befriedigender beantwortet.
Wer verstehen will, wie „What’s Going On“ entstand, muss sich das Amerika von 1970 vorstellen: Vietnam, Rassenunruhen, Nixon, der Tod von Tammi Terrell. Marvin Gaye stand 1969 in einer tiefen Depression, frustriert über seine künstlerische Stagnation, erschüttert vom Krebstod seiner Duett-Partnerin und im Krieg mit sich selbst. Sein Bruder Frankie kehrte verstört aus Vietnam zurück und schilderte ihm, was er gesehen hatte. Gaye erklärte später: „Als mein Bruder Frankie nach Hause kam und mir seine Geschichten erzählte, begann mein Blut zu kochen. Ich wusste, dass ich etwas hatte – eine Wut, eine Energie, einen künstlerischen Standpunkt.“
Den Ausgangsfunken lieferte ausgerechnet Obie Benson von den Four Tops. Er hatte die Keimzelle des Titelsongs geschrieben, nachdem er in San Francisco erlebt hatte, wie die Polizei Studenten zusammengeschlagen hatte – und fragte sich: „What is happening here?“ Die Four Tops lehnten das Stück ab, weil Motown politische Songs seiner Künstler strikt untersagte. Gaye griff zu, veränderte den Song von Grund auf – und machte daraus ein Statement.
Berry Gordys Reaktion auf die Aufnahmen ist legendär. Er nannte sie „lächerlich“ und weigerte sich zunächst, den Song zu veröffentlichen. Erst durch das geheime Zutun von Motown-Verkaufschef Barney Ales wurden 100.000 Exemplare der Single ohne Gordys Wissen in die Läden geschickt. Was folgte, war Motown-Geschichte: Die Single wurde zum meistverkauften Titel in der Geschichte des Labels bis zu diesem Zeitpunkt, und Gordy gab grünes Licht für ein Album – mit einer Bedingung: Gaye hatte kreative Kontrolle. Die neun Albumtracks wurden in gerade mal zehn Arbeitstagen im März 1971 eingespielt.
Was in diesen zehn Tagen entstand, war kein gewöhnliches Studioalbum. Es war eine Session voller glücklicher Zufälle und genialer Entscheidungen. Gaye zog sämtliche verfügbaren Talente heran: Arrangeur David Van De Pitte und die Funk Brothers, Detroits legendäre Motown-Hausband. Bassist James Jamerson wurde nach einer langen Nacht in einer Bar rekrutiert – und spielte seine Parts, weil er vor Trunkenheit nicht aufrecht sitzen konnte, liegend auf dem Studioboden ein. Er erklärte seiner Frau nach der Session, sie hätten ein Meisterwerk eingespielt. Den unverwechselbaren Alt-Saxophon-Einstieg des Titeltracks spielte Eli Fontaine nur als Warming-up – woraufhin Gaye den Clip hörte und sagte: „Well, you goof off exquisitely.“ Und der charakteristische Doppel-Gesangseffekt, Gayes übereinandergeschichtete Stimme, entstand durch ein Versehen von Toningenieur Kenneth Sands – das Gaye sofort zu einem zentralen Element des Albums erhob.
Das Resultat ist ein Konzeptalbum, das diesen Begriff neu definiert hat. Die Songs gehen nahtlos ineinander über und bilden einen Song-Zyklus, der die Heimkehr eines Vietnam-Veteranen schildert – eine Erzählperspektive, die Gaye von seinem Bruder Frankie geborgt hatte. Auf neun Tracks verhandelt das Album Krieg, Polizeigewalt, Armut, Drogenabhängigkeit und Ökologie – und klingt dabei nicht einen Moment schwer oder belehrend. Van De Pittes Streicher-Arrangements, die auf Gayes eingesummten Melodien basierten und dem Album eine jazzige, klassische Eleganz verliehen, sind dafür maßgeblich verantwortlich. Soul, Jazz, Gospel und Gospelharmonien verschmelzen zu einem Sound, der gleichzeitig höchst zeitgemäß und zeitlos wirkt.
Der Titeltrack eröffnet mit Partylärm und freundschaftlichem Geplapper – und zieht dann den Boden weg: „Mother, mother / There’s too many of you crying / Brother, brother, brother / There’s far too many of you dying.“ „Mercy Mercy Me (The Ecology)“ beklagte 1971 den Zustand der Umwelt – und klingt heute, 55 Jahre später, erschreckend aktuell. „Inner City Blues (Make Me Wanna Holler)“, der Abschluss des Albums, ist der wütendste Moment: über Bongo-Grooves und einem schleichenden, bedrohlichen Rhythmus rechnet Gaye mit Armut, Polizeigewalt und wirtschaftlicher Ungerechtigkeit ab. Nichts davon klingt nach Pamphlet. Alles klingt nach gelebtem Schmerz.
Das Paradox dieses Albums – und sein Geheimnis – ist, dass es trotz aller Schwere beschwingt, ja befreit. Marvin Gaye hat seine Wut nicht in Protest-Parolen gegossen, sondern in Schönheit. Er hat eine Platte geschrieben, bei der man gleichzeitig weinen und tanzen möchte. Zeitgenosse Vince Aletti schrieb für den Rolling Stone, er habe Marvin Gaye bis dahin unterschätzt – und kündigte an: „It won’t happen again.“ Billboard sprach von „a cross between Curtis Mayfield and that old Motown spell“ und attestierte dem Album, alles zu übertreffen, was Gaye zuvor gemacht hatte.
Was bleibt, 55 Jahre später? Ein Album, das keine Minute gealtert ist, weil die Fragen, die es stellt, keine Antwort gefunden haben. Krieg. Armut. Polizeigewalt. Umweltzerstörung. Marvin Gaye hat das alles nicht gelöst – aber er hat es hörbar gemacht, auf eine Art, die ins Mark geht. „What’s Going On“ ist nicht nur ein Meilenstein der Musikgeschichte. Es ist ein Beweis dafür, was Musik leisten kann, wenn jemand bereit ist, alles zu riskieren – seinen Vertrag, seine Karriere, seinen Ruf – um gehört zu werden.
Und Marvin Gaye wurde gehört. Wird immer gehört werden.

