Jenseits aller Schubladen
Laurie Anderson ist Jazz, Punk, Performance Art, Spoken Word, Avantgarde – sie ist das alles gleichzeitig und damit eigentlich uneinordbar. Und genau das macht sie so interessant. „Let X=X (Live)“ ist das Dokument einer 2023er-Tournee, bei der Anderson gemeinsam mit der New Yorker Jazzcombo Sexmob – Steven Bernstein (Brass), Kenny Wollesen (Drums), Douglas Wieselman (Winds, Gitarre), Briggan Krauss (Saxofon, Gitarre) und Tony Scherr (Bass) – ihr Karriere-Repertoire in neue Formen goss. Das Ergebnis: 23 Songs auf drei LPs bzw. zwei CDs, darunter Klassiker wie das ikonische „O Superman“, neueres Material und sogar „Junior Dad“, das Lou Reed gemeinsam mit Metallica schrieb.
Natürlich stellt sich bei einem solchen Live-Album eine naheliegende Frage: Kann ein Tonträger einfangen, was Laurie Anderson auf der Bühne ist? Die genauso naheliegende Antwort ist: nicht vollständig. Ihre Konzerte sind Multimedia-Erlebnisse, visuell und körperlich – das lässt sich nicht pressen. Und trotzdem: Was hier auf Platte gebannt ist, hat eine Präsenz, die durch die Lautsprecher dringt. Sexmob liefert dabei keine bloße Begleitung, sondern echte Mitsprache – die Arrangements sind muskulöser und wuchtiger als auf den Studioaufnahmen, das Zusammenspiel risikobereit und lebendig. Das Album besitzt einen starken narrativen Bogen, der es weit über eine reine Konzertdokumentation hinaushebt: Songs gruppieren sich um Technologie, Verlust, späten Kapitalismus. Das klingt schwerer als es ist und vor allem ist es immer spannend. Und Laurie Anderson hat nie vergessen, dass Avantgarde auch Freude machen darf.

