Gabrielle Cavassa singt sich mit „Diavola“ in die erste Reihe der Jazz-Vokalisten
Was kann man denn aus „Raindrops Keep Falling On My Head“ machen? Die Antwort liefert Gabrielle Cavassa in den ersten drei Minuten ihres Blue-Note-Debüts, und sie ist: Jazz. Echter, tiefer, atemloser Jazz. Der Bacharach-Klassiker kommt bei ihr so langsam und intim daher, als würde er zum ersten Mal existieren – Brian Blades unaufgeregter Groove trägt ihn, Jeff Parkers Gitarren-Arpeggios betten ihn weich, und Cavassas Stimme flüstert einem Dinge ins Ohr, für die man eigentlich sehr nah sein müsste. „Listening to Gabrielle sing is akin to having her whisper secrets in your ear“, sagt Blue-Note-Präsident Don Was, der das Album gemeinsam mit Joshua Redman produzierte.
Cavassa, in New Orleans lebend, war bis 2023 weitgehend unbekannt. Dann bat Redman sie auf sein Album „Where Are We“ – und sie stahl ihm die Show, wie es Jazz Thing so schön formuliert. Ihr Blue-Note-Debüt war also mehr als überfällig. Das Ergebnis ist ein Album, das sich zwischen Engelchen und Teufelchen bewegt, zwischen Possession und Surrender, Licht und Dunkel – das titelgebende Stück-Duo „Angelo“ und „Diavola“ von Luigi Tenco bzw. Cavassa selbst sind sein beseeltes Herz. Grenadiers schluchzender Bogen bei „Angelo“, sein stalkendes Pizzicato bei „Diavola“ – hier arbeiten Stimme und Instrument auf Augenhöhe. Dazu eine Handvoll weiterer Perlen: das brasilianisch angehauchte „Bossy Nova“, ein Barry-Manilow-Song, der tatsächlich überzeugt, und zum Abschluss das stille, zweisprachige „La notte dell’addio“.
Das ist Musik für spät am Abend, mitten in der Nacht, wenn man die letzte Platte des Tages auflegt. Und dann möchte man, dass sie nie aufhört.

