Die Wüste für die Ohren
Ich war noch nie in der Wüste. Und ehrlich gesagt hatte ich auch keine besonders romantischen Vorstellungen davon – erbarmungslose Hitze, endlose Sandweiten, kein Schatten weit und breit. Tamikrest haben das in den letzten Jahren gründlich geändert. Und mit „Assikel“, ihrem sechsten Studioalbum, vollenden sie diese Verwandlung: Die Wüste, wie sie hier klingt, ist kein feindlicher Ort. Sie flirrt und fliegt, sie atmet und pulsiert – und sie zieht einen tief in sich hinein.
„Assikel“ bedeutet „Reise“ im Tamasheq, der Sprache der Kel Tamasheq, jenes Tuareg-Volks aus dem Norden Malis, dessen Stimme Tamikrest seit nunmehr zwanzig Jahren sind. Und diese Reise klingt diesmal ein bisschen anders als auf den Vorgängeralben: rauer, intimer, von einer stillen Schwere durchzogen, die man sofort spürt, ohne die Texte zu verstehen. Live auf Analogband eingespielt fangen die vier Musiker um Sänger und Gitarrist Ousmane Ag Mossa etwas ein, das man in Studiosessions kaum herbeitricksen kann: Echte Präsenz. Das Zusammenspiel von elektrischen und akustischen Gitarren, schwebender Lap Steel, druckvollem Bass und den vielschichtigen Perkussionsinstrumenten klingt wie aus einem Guss, eben wie eine Band, die seit Jahren gemeinsam atmet.
Der Eröffnungstrack „Adagh Oyantid“ beginnt mit einer ruhigen Slide-Gitarre und weitet sich dann zu jenem hypnotischen Sog auf, den man von Tamikrest kennt und liebt. Das mitreißende „Imanin“ und das tief bewegende „Eillal“ – auf dem Tinariwen-Gründer Ibrahim Ag Alhabib zu Gast ist – gehören zum Eindringlichsten, was die Band je aufgenommen hat. Diese Begegnung zweier Generationen derselben Tradition hat eine emotionale Wucht, die lange nachhallt.
Tamikrest machen Musik über Exil, Sehnsucht und den ungebrochenen Willen eines Volkes, das unter Vertreibung leidet. Man muss kein Wort Tamasheq sprechen, um das zu fühlen. Und genau das ist das Wunder: „Assikel“ klingt weit weg und absolut nah zugleich. Ein Album, das nicht fragt, ob man je in der Wüste war. Es bringt sie zu einem.

