Wenn Trauer zu Dankbarkeit wird
Neil Young für junge Menschen, hat irgendwer mal über Kurt Vile gesagt. Schon klar, was gemeint ist: dieser ewig treibende Gitarrenfluss, die nasale Sing-Sprech-Stimme, die nie irgendwo ankommen will und genau dadurch überall zuhause klingt. Gleichzeitig hat Vile längst seine ganz eigene Liga, und mit „Philadelphia’s Been Good to Me“, seinem zehnten Album, zementiert er das auf eine Art, die mich wirklich anrührt.
Es ist das erste Album seit dem Tod seines langjährigen Weggefährten Rob Laakso, größtenteils eingespielt in Viles Heimstudio „OKV Central“ in Mount Airy, Philadelphia. Man hört diesen Verlust nicht plakativ heraus, eher wie eine leichte Färbung. Besonders deutlich wird das in „Holiday OKV“, wo Vile von verlorenen Freunden singt und die Trauer Schritt für Schritt in nüchterne Dankbarkeit überführt, dass man überhaupt noch da ist. Auch „99 BPM“ handelt direkt von der frühen Zusammenarbeit mit Laakso, ohne ins Sentimentale abzudriften.
Das Schöne ist: Bei aller Schwere bleibt das Album ein Fest. „Chance to Bleed“ feiert die alten „lo-fi, DIY rock’n’roll nights“ mit einer Energie, die Kurt Vile selbst „hillbilly techno“ nennt. Im zehnminütigen „99th Song“ verliert er sich in mäandernden Loops, fast wie Steve Reich mit Kaffeebecher in der Hand. Und „Every Time I Look at You“ ist eine zärtliche Liebeserklärung an seine Tochter, getragen von einem Neil-Young-Schimmer, den er sich diesmal redlich verdient hat.
„Philadelphia’s Been Good to Me“ ist eine Liebeserklärung an die Heimatstadt, an die Musik selbst, an das, was bleibt, wenn man lange genug derselbe geblieben ist. Manche werfen Vile vor, er mache seit Jahren dieselbe Platte. Mag sein. Aber wenn dieselbe Platte so warm und so ehrlich nach echtem Leben klingt, dann soll er bitte weitermachen.

