Ein Quartett auf der Suche nach dem Heiligen Gral
Diese vier Musiker, die sich noch nie zuvor begegnet sind, öffnen eine völlig neue Klangwelt. Joe Lovano nennt sein neues Projekt „Paramount Quartet“ – ein Name, der nach Statement klingt. „Wir sind an einem einzigartigen Ort angekommen“, sagt der mittlerweile über siebzigjährige Saxofonist, und man hört sofort, was er meint. An seiner Seite: Gitarrist Julian Lage, der hier sein ECM-Debüt feiert, Bassist Asante Santi Debriano und Will Calhoun, der sich sonst eher mit treibenden Rockgrooves bei Living Colour einen Namen gemacht hat. Diese Konstellation hätte explosiv werden können und das wird sie auch, aber nicht im erwarteten Sinn.
Die Eröffnung „First Song“ (Charlie Haden) entfaltet sich als zarte, fast schwebende Ballade, bei der Lovanos Ton eine Verletzlichkeit zeigt, die selten so unmittelbar zu hören ist. Bei „Amsterdam“ treffen harmonisierte Sax- und Gitarrenlinien aufeinander, bevor sich das Stück in vier individuelle, gleichzeitig geführte Stimmen auflöst – ein Hin und Her, das nie ins Beliebige kippt. Besonders „The Call“ zeigt, wie sehr dieses Quartett auf Stille und Raum vertraut: Debrianos langer, unheilvoller Bass trägt das Stück fast allein zu seinem Ende.
Wayne Shorters „Lady Day“, eine Hommage an Billie Holiday, gehört zu den anrührendsten Momenten: Lage öffnet mit einem ausgedehnten, bluesgetränkten Intro, bevor Lovanos vollmundiges Tenor übernimmt und Anklänge an „Lush Life“ heraufbeschwört. Bei „The Great Outdoors“ lässt Lovano lässt Lage in folkigem Pizzicato fast gegen das Saxophon spielen, während Calhoun frei drauflos trommelt, fast als würde er gegen die beiden Melodieinstrumente anrennen. Den Abschluss bildet „Congregation“, bei dem das Quartett richtig ins Schwingen kommt – ein Stück mit feiner Americana-Note, das alle vier in kollektiver Wärme zusammenführt.
Was dieses Album besonders macht, ist die Chemie zwischen Musikern, die zuvor nie zusammengespielt hatten. Calhoun hält selten einfach nur den Beat, sondern erfindet sich ständig neu, Debriano sorgt mit seiner ruhigen Autorität für Stabilität, und zwischen Lovano und Lage entsteht ein Dialog, der über weite Strecken wie ein gemeinsames Atmen wirkt. „Paramount Quartet“ ist kein lautes Statement, sondern eine leise Offenbarung – ein neues Kapitel in Lovanos ohnehin schon beeindruckender Karriere.

