Ein texanischer Fiebertraum, so zerbrechlich wie schön
„Lee’s Dream“, das zweite Album von Cactus Lee für Western Vinyl, ist ein Album, das man nicht richtig greifen kann. Kevin Dehan, der Kopf hinter dem Projekt, hat die Songs während einer einmonatigen Solotournee durch den Mittleren Westen und den Süden geschrieben – in Transportern und Motelzimmern, angetrieben auch von einem Besuch in Guy Clarks rekonstruiertem Keller in der Country Music Hall of Fame. Man hört das. Diese Musik klingt, als wäre sie unterwegs entstanden und dann – vorsichtig, ohne viel Aufhebens – zu Hause verfeinert worden.
Produzent Billy Horton hat Dehan behutsam in Richtung klassischer Country-Formen gelenkt, Sun-Ära-Sensibilität inklusive. John D. Loudermilk, Glen Campbell, frühes Gordon Lightfoot – das sind die Koordinaten, zwischen denen sich diese zehn Songs bewegen. Und doch klingt „Lee’s Dream“ nie museal, nie nostalgiekrank. Dafür sorgt schon Dehans Stimme, die mit entspannter Selbstverständlichkeit Texte über Easy Money und Bad Luck, über texanische Bilder und Country-Folklore singt. Und Songs wie das versponnene Titelstück oder das von Cello, Flöte und Glocken durchzogene Abschlusstrack „Valentine“ – so sparsam wie verzaubernd.
Weltweit werden von diesem Album vielleicht ein paar hundert Exemplare verkauft. Cactus Lee ist ein Regionalkünstler aus Austin, der einfach macht, was er machen muss. Aber manchmal wünscht man sich, in irgendeiner Kaschemme in Austin zu sitzen, wenn mit dieser Musik die Sonne aufgeht.

