Ein Gespräch mit jemandem, dem man nie begegnet ist
Jóhann Jóhannsson starb im Februar 2018 in Berlin, mit nur 48 Jahren, mitten in seinem kreativsten Schaffen. Seine Musik lebt weiter. Nun hat die deutsch-japanische Pianistin Alice Sara Ott 30 seiner bekanntesten Werke für Soloklavier arrangiert und aufgenommen: Weltersteinspielungen, die ein neues Kapitel in Jóhannssons Geschichte schreiben.
Ott hat Jóhannsson nie kennengelernt. Aber statt diese Lücke mit Distanz zu füllen, hat sie sie mit Neugier überbrückt: Sie sprach mit seinen Weggefährten, tauchte tief in sein kompositorisches Denken ein und fuhr im Juli 2024 nach Reykjavík, in das Studio des Grammy-nominierten Produzenten Bergur Þórisson – einem langjährigen Mitarbeiter des Komponisten. Dort, auf einem alten Upright-Piano mit samtigem Klang und viel Nostalgie im Holz, entstanden die meisten dieser Aufnahmen. „Most of the recordings felt as if they were taking place inside a cloud“, erinnert sich Ott. Man hört es.
Was Jóhannsson ausgezeichnet hat, war seine Fähigkeit, Grenzen zu ignorieren – zwischen Minimal Music, ambientem Elektronik, klassischer Orchestrierung und Filmmusik. Auf „Piano Works“ zeigt sich, dass diese Qualität kein Produkt des Arrangements war, sondern im kompositorischen Kern steckt. Das Klavier legt frei, was in den Originalversionen manchmal hinter Flächen und Sound verborgen lag: eine melodische Reinheit, eine stille Dringlichkeit. „A Model of the Universe“ aus dem Soundtrack zu „Die Entdeckung der Unendlichkeit“ atmet in Otts Interpretation wie ein lebendiges Wesen. „Flight from the City“ breitet sich fast vier Minuten lang aus, ohne je zu drängen.
Otts Spiel ist ego-frei, präzise und dabei zutiefst empathisch – genau das, was diese Musik braucht. Wer 30 Stücke am Stück erwartet, die sich alle ähneln, mag irgendwann satt werden; das ist kein Makel des Albums, sondern eine ehrliche Einschränkung von Jóhannssons minimalistischer Sprache. Wer sich aber die Zeit nimmt, einzelne Stücke herauszupicken oder das Album in ruhigen Momenten als Ganzes auf sich wirken zu lassen, wird mit einer äußerst berührenden Musik belohnt. Musik, die Stille laut macht.

