Ein Franzose in Texas
Tiwayo trägt den Spitznamen „The Young Old“ – und wer „Outsider“ hört, versteht sofort warum. Der in Paris geborene Soulsänger klingt, als hätte er sein ganzes Leben in den Clubs von Memphis oder New Orleans verbracht, nicht in Frankreich. Jahrelang war er als Straßenmusiker unterwegs, hat Blues, Soul und Gospel buchstäblich aufgesaugt, war Vorband für Sting und Marcus Miller, veröffentlichte zwei Alben auf Blue Note – und verschwand dann fast vollständig von der Bildfläche. Was ihn zurückgeholt hat: Grammy-Gewinner Adrián Quesada von den Black Pumas hörte seine Demos, traf ihn beim französischen Festival Les Eurockéennes und lotste ihn in sein Electric Deluxe Studio nach Austin, Texas. Das Ergebnis ist dieses Album.
„Outsider“ klingt nach Hi Records, nach Al Green, nach Stax – roh, organisch, kompromisslos. Quesada produziert warm und unaufgeregt, die Band sitzt tief im Groove, und Tiwayos Stimme trägt das alles mit einer Lässigkeit, die einem den Atem verschlägt. Der Opener „I’ve Got To Travel Alone“ macht sofort klar, womit man es zu tun hat: ein Stück Southern Soul, das sich anfühlt, als wäre es schon sechzig Jahre alt – und das ist das größte Kompliment, das man machen kann. „Daddy Was Born With The Blues“, Tiwayos Hommage an seinen verstorbenen Vater, mit Doyle Bramhall II an der Gitarre und Streichern, ist ein echter Herzzerreißer. „Up For Soul“ reißt einen dann wieder vom Stuhl.
Das Schöne an diesem Album: Hier weiß jemand sehr genau, wie dieser Sound herzustellen ist – aber es bleibt eben nicht bei der Reproduktion. Das Songwriting trägt, die Stimme ist unaufdringlich und trotzdem sofort unter die Haut gehend, und keine Note ist zu viel.

