Ein Mann, sein Leben, seine Stimme. Mehr braucht es nicht.
Manche Künstler*innen entwickeln sich. Bill Callahan dehnt sich aus. Seit über drei Jahrzehnten – zunächst als Smog, seit 2007 unter seinem bürgerlichen Namen – kartiert dieser Mann das Innenleben des amerikanischen Alltags mit einer Geduld und Präzision, die ihresgleichen sucht. Auf seinem achten Soloalbum, dem ersten seit 2022, ist er nun so direkt und verletzlich wie selten zuvor.
„My Days of 58″ ist, was Callahan selbst ein „Living-Room-Record“ nennt: nicht zu laut, nicht überwältigend, aber von einer Wärme und Lebendigkeit, die unter die Haut geht. Aufgenommen mit seiner bewährten Tourband – Drummer Jim White (Dirty Three), Gitarrist Matt Kinsey, Saxophonist Dustin Laurenzi – klingt das Album so, als würde man einem besonders guten Gespräch lauschen, in dem plötzlich die ganz großen Fragen auftauchen. Tod, Vaterschaft, Vergänglichkeit, die Würde des Handwerks. Auf „Pathol O.G.“ rechnet Callahan mit einer lakonischen Leichtigkeit mit seinem eigenen Künstler-Ego ab: In der Zeile über das Rettungsboot, das man nicht mit einer Yacht verwechseln sollte, steckt mehr Selbstreflexion als in ganzen Platten anderer Leute.
Das siebenminütige „Stepping Out for Air“ ist das Herzstück: ein langsam aufbauendes Wunderding, in dem Blechbläser, Gitarre und Callahans Bassbariton ineinandergreifen wie Zahnräder, die plötzlich eine Uhr antreiben. Und „The Man I’m Supposed To Be“, die Vorab-Single, liefert mit einem kleinen falsettischen Lachen am Ende den vielleicht ehrlichsten Satz des Jahres: „My biggest fear is not the dying / My biggest fear is that I’ll stop trying.“ Der Abschluss „The World Is Still“ zieht sich dann wie Abenddämmerung über das Album – ambienthaft, kreisend, still.
Bill Callahan klingt wie jemand, der weiter machen will. Weil er es liebt. Weil er es muss. Weil es sich lohnt.

