Eine der bittersüßen Stimmen des Exils spielt sich frei – und wie.
Man kannte Souad Massi als die zarte, melancholische Poetin des Maghreb: akustische Gitarre, filigrane Melodien, diese Stimme wie ein Frühlingsabend kurz vor dem Regen. Wer damit gerechnet hatte, dass das neunte Studioalbum der franco-algerischen Sängerin wieder so klingt, wird mit „Zagate“ eine angenehme Überraschung erleben. Denn Massi hat sich hier wirklich freigemacht – vom Erwartbaren, von der eigenen Schublade, von allem, was man ihr zuvor vielleicht zu leichtfertig zugetraut hätte.
„Zagate“ ist eine Vokabel aus dem algerischen Französisch, abgeleitet von „ça se gâte“ – die Lage verschlechtert sich. Mehr als ein Wortspiel ist das ein Programm: Krieg, Rassismus, Ausbeutung, die Schwere der Gegenwart – Massi schaut nicht weg. Und sie tut das nicht mit der erhobenen Zeigefingergeste der Moralpredigt, sondern mit der Dringlichkeit einer Frau, die all das selbst kennt. In Algier aufgewachsen, während des Bürgerkriegs aus dem Land geflohen, seit 26 Jahren in Frankreich lebend – ihr doppeltes Erbe ist in jedem dieser elf Songs hörbar.
Das Erstaunliche aber ist die musikalische Bandbreite. Produzent Justin Adams (u.a. Robert Plant, Tinariwen) hat ein Klanguniversum geschaffen, das von Afrobeat-Grooves über saharischen Folk bis zu Indierock reicht, ohne dabei je zusammenhanglos zu wirken. „Samt“ hypnotisiert mit einer surrenden Zurna-Melodie. „Ana Inssan“ ist schon fast Pop. Das Duett „D’ici, De là-bas“ mit dem ruandisch-französischen Rapper Gaël Faye ist schlicht großartig – zwei Welten, eine Wahrheit, emotionaler Höhepunkt des Albums. Und „Chibani“ geht mit einem urbanen Pariser Blues-Feeling direkt ans Herz.
Extrem abwechslungsreich und spannend – das trifft es. Jeder Song wirft einen in eine andere Welt, und doch klingt „Zagate“ wie aus einem Guss. Souad Massis Stimme ist der Anker, der alles zusammenhält: federleicht und schwer zugleich.

