Wenn ein Blues-Album einen Sog entwickelt, den man sich nicht erklären kann
Selwyn Birchwood ist einer dieser Musiker, bei denen man sich nach dem ersten Hören fragt: Warum kenn ich den eigentlich noch nicht besser? Der Gitarrist und Lap-Steel-Meister aus Tampa, Florida, existiert seit über einem Jahrzehnt auf Alligator Records, hat Awards gewonnen, Europa-Tourneen absolviert und trotzdem bleibt er in der hiesigen Wahrnehmung seltsam unterhalb des Radars. „Electric Swamp Funkin‘ Blues“, sein sechstes Album für das Chicagoer Label und das erste, das er vollständig selbst produziert hat, könnte das ändern – oder zumindest sollte es das.
Gleich vorab: Das ist kein einfaches Album. Birchwoods Gitarrenspiel ist das eines Ax-Man, der sein Können zeigt und zeigen will. Der Gesang ist – ja, irgendwie sehr männlich, sehr direkt, manchmal fast ein bisschen zu viel. Und ja, manches hier klingt zunächst nach klassischem Blues-Rock, den man schon kennt. Aber dann passiert etwas. Ein Blechbläser-Arrangement taucht auf, wo man keines erwartet hätte. Ein Hammond-B3-Groove schiebt sich in eine ganz andere Richtung. Der Titeltrack „The Church Of Electric Swamp Funkin‘ Blues“ entwickelt sich von einer schlichten Ansage zu einem veritablen Funk-Gottesdienst, komplett mit Bläsersatz und Gospel-Backing-Vocals. „All Hail The Algorithm“ greift mit Einwahlmodem-Geräuschen und schwer treibendem Organ die Paranoia des digitalen Alltags an – scharf textet Birchwood: „Have you ever had a conversation in the privacy of your home, only to find it advertised the next time you open your phone?“ Das erinnert an die besten Albert-Collins-Platten der 80er: Vordergründig vertraut, im Detail voller kleiner Überraschungen, die einen beim zweiten und dritten Hören erwischen.
Birchwood nennt Collins, Freddie King und Jimi Hendrix als Vorbilder – und all das steckt hier drin. Was ihn hält, ist genau das: Diese Platte macht keinen Hehl daraus, was sie ist, und genau deshalb funktioniert sie.

