Provokation als Prinzip. Schon immer. Und jetzt erst recht.
Zehn Jahre. So lange hat Merrill Nisker, die Welt kennt sie als Peaches, kein neues Album veröffentlicht. Wer dachte, die kanadische Wahlberlinerin hätte sich in Würde zurückgezogen, wird mit „No Lube So Rude“ eines Besseren belehrt. Besser gesagt: eines Lauteren, Expliziterem, Unverschämteren. Und das ist als Kompliment gemeint – das einzige, das hier passt. Produziert gemeinsam mit The Squirt Deluxe in Berlin, liefert Peaches ihr siebtes Studioalbum als kompromisslosen Electroclash-Schlag ins Gesicht aller, die Schweigen von ihr erwartet haben. Electro, Dance, Punk, Industrial – alles drin, alles auf Anschlag. Opener „Hanging Titties“ macht keine Anstalten, sich einzuschleichen, sondern platzt sofort in den Raum. „Panna Cotta Delight“ verbindet Retro-Synthesizer-Sounds mit funkigen Groove-Elementen und einem Chorus, der sich festbeißt. „Not In Your Mouth None Of Your Business“ ist eine wütende, mitreißende Verteidigung queerer Körperautonomie – und womöglich der stärkste Moment des Albums. Der Abschluss „Be Love“ überrascht dann mit Streicher-Arrangements und einer unerwarteten Zärtlichkeit, die den Kontrast zum Rest umso deutlicher macht. Was Peaches immer ausgezeichnet hat: Sex war bei ihr nie Schock um des Schocks willen, sondern politische Haltung. Kein Hype, kein Algorithmus, kein Zeitgeist – nur die Überzeugung, dass Körper, Begehren und Identität verteidigt werden müssen. Gerade jetzt, wo queere Rechte weltweit unter Druck geraten, klingt dieses Album weniger wie Provokation denn wie Notwendigkeit. Ja, die Peaches-Formel hält nach einem Vierteljahrhundert keine großen Überraschungen mehr bereit. Aber manche Formeln hat die Welt einfach noch nicht oft genug gehört.

