Das dunklere Geschwister – und das bessere Album
Sam Beam nennt sein achtes Album unter dem Namen Iron & Wine ein „unmögliches Geschenk“. Hühnerzähne gibt es nicht. Und doch ist dieses Album da. Der Titel trifft es gut: Nach einer kreativen Funkstille, in der Beam nach eigenen Aussagen kaum etwas schreiben konnte, entstanden im Waystation Studio in Laurel Canyon innerhalb derselben Sessions gleich zwei Alben – „Light Verse“ (2024) und nun „Hen’s Teeth“. Geschwister, aber keine Zwillinge. Wo „Light Verse“ hell und verspielt klang, ist „Hen’s Teeth“ erdiger, dunkler, rauer.
„Roses“ eröffnet das Album mit schlichten Akkorden und Beams einladender, leicht rauer Stimme – und baut sich dann zu einem symphonischen Americana-Crescendo auf, das einen regelrecht überrumpelt. „Paper and Stone“ ist filigrane Kammergitarrenmusik mit einer einsamen Violine, hinter deren zarter Oberfläche sich Dunkleres verbirgt. Und „In Your Ocean“, der Lead-Single, ist ein wuchtig schaukelnder Folk-Rocker, der von einer Liebe erzählt, in der man so tief versinkt, dass man gar nicht mehr auftauchen will.
Zwei Songs – „Robin’s Egg“ und „Wait Up“ – entstanden gemeinsam mit dem Folk-Trio I’m With Her (Sarah Watkins, Sarah Jarosz, Aoife O’Donovan), und die Zusammenarbeit klingt so natürlich, als hätten die vier schon immer zusammengehört. Das beseelte „Robin’s Egg“ ist ein echter Lichtblick, „Wait Up“ dagegen so zart und traurig, dass es einem fast den Atem verschlägt. Und dann noch das: Beams Tochter Arden, Jahrgang 2002 – sie wurde zwei Monate vor seinem Debütalbum „The Creek Drank the Cradle“ geboren – singt auf vier Tracks ihre ersten Background-Vocals. Das gibt dem Album eine sehr persönliche Wärme.
„Hen’s Teeth“ ist kein Album, das laut um Aufmerksamkeit bettelt. Es ist eines, das man sich erarbeiten muss – und das einen dann so still und vollständig in sich aufnimmt, dass man gar nicht mehr raus will.

