Wo anatolische Seele auf psychedelische Tiefe trifft
Dieses Album wird man immer wieder laufen lassen. Weil es einen Sog erzeugt, dem man sich nicht entziehen will. Das sechste Studioalbum „Garip“ – auf Deutsch: „seltsam“ des Amsterdamer Quintetts Altın Gün ist eine Hommage an den türkischen Volksmusik-Virtuosen Neşet Ertaş (1938–2012), einen Meister der Bağlama und Chronisten des anatolischen Herzschmerzes. Zehn seiner Kompositionen hat die Band hier durch ihren ganz eigenen Filter gejagt – und das Ergebnis ist weit mehr als ein Tribute-Album.
Was Altın Gün leisten, ist eigentlich Zauberei: Die Melodien von Ertaş bleiben erkennbar, werden aber rhythmisch verschoben, harmonisch geöffnet, mit Arabesk-Streichern, Saxofon-Einwürfen und glitzernden Synthesizer-Arpeggios angereichert – und trotzdem verliert das Ganze nie seinen Boden. Opener „Neredesin Sen“ kommt mit einer fast kühl wirkenden Post-Punk-Basslinie daher, die sich mit Saz-Melodien und erdiger Percussion zu etwas Rituellem, Emotionalem verbindet. Das hat tatsächlich Pink Floyd’ige Momente – vor allem das sechsminütige „Suçum Nedir“, das mit anschwellenden Streichern und bluesigen Saxofon-Soli durch den Weltraum treibt, als hätte man „Wish You Were Here“ nach Anatolien verpflanzt. Und dann der Schlusspunkt: „Bir Nazar Eyledim“, eine atemlose Ballade, die sich über Synthie-Arpeggios und sparsamen elektronischen Rhythmus entfaltet – ein stiller Abschluss, der lange nachhallt.
Bassist Jasper Verhulst sagte im Vorfeld: „Es ist unser eklektischstes Album. Die Songs sind schwerer zu beschriften. Weniger psych-rock, mehr einfach vibing.“ Genau das. „Garip“ ist das kantigste, reifste und seelenvollste Werk, das diese Band bisher veröffentlicht hat. Hören. Unbedingt.

