Wenn aus Virtuosität Stille wird
Nach drei Jahrzehnten gemeinsamer Reise legt Quadro Nuevo ein Album vor, das sich anfühlt wie eine tiefe Meditation am Ende eines langen, erfüllten Tages. „Inside The Island“ ist kein Alterswerk im resignativen Sinne, sondern vielmehr der Beweis dafür, dass wahre Meisterschaft darin liegt zu wissen, wann man nicht spielen muss. Die vier Musiker – Mulo Francel (Tenorsaxofon, Klarinette, Mandoline, Whistle), Andreas Hinterseher (Akkordeon, Bandoneon, Vibrandoneon), Didi Lowka (Kontrabass) und Philipp Schiepek (Gitarre) – haben sich auf der griechischen Insel Samos zurückgezogen und dort etwas geschaffen, das in seiner reduzierten Schönheit fast schon radikal wirkt.
Wo früher oft üppige Arrangements und virtuose Soli im Vordergrund standen, herrscht nun eine fast minimalistische Klarheit. Songs wie „The Great Wide Open“ oder „Sea Of Stories“ leben von der Kunst der Pause, vom bewussten Weglassen. Schiepeks Gitarre perlt wie Wasser über Steine, Francels Saxofon atmet mehr als es spielt, und Lowkas Bass schafft einen warmen, tragenden Grund, auf dem alles schwebt. Das Akkordeon von Hinterseher fügt zarte harmonische Farbtupfer hinzu, ohne je aufdringlich zu werden. Diese vier haben so lange zusammen gespielt, dass sie nicht mehr reden müssen – sie verstehen sich in der Stille.
Dabei ist „Inside The Island“ keineswegs eine Sammlung von Ambient-Skizzen. Die Kompositionen besitzen eine klare melodische Kontur, Einflüsse aus Tango, mediterraner Folklore und Jazz verschmelzen zu etwas ganz Eigenem. „Tango To Evora – To Tango Tis Nefelis“ etwa schleppt sich wunderbar melancholisch dahin, während „Island Skydance“ mit seiner tänzerischen Leichtigkeit den Himmel über der Ägäis einfängt. Immer wieder blitzen Momente auf, in denen man spürt: Diese Musiker könnten jederzeit explodieren – aber sie entscheiden sich dagegen. Diese Zurückhaltung ist pure Eleganz. Der Titelsong „Inside The Island“ führt dabei genau dorthin, wohin der Albumtitel verspricht: ins Innere – nicht nur der Insel, sondern auch der Musik selbst.
Wer Quadro Nuevo bisher als virtuoses World-Jazz-Quartett mit viel Temperament kannte, könnte zunächst überrascht sein. Doch genau diese Überraschung ist das Geschenk: „Inside The Island“ ist ein Album für späte Abende, für Momente der Einkehr, für alle, die verstehen, dass Musik nicht immer laut sein muss, um gehört zu werden. Es ist ein leises, aber umso eindringlicheres Meisterwerk einer Band, die nach 30 Jahren endlich genau weiß, wer sie ist.

