Wenn zwei Legenden Musik machen, die Wurzeln schlägt
Ich muss gestehen: Als ich hörte, dass der Gitarrist John Scofield und Bassist Dave Holland zusammen ein Album aufnehmen, war meine erste Reaktion nicht überschäumende Begeisterung, sondern eher ein vorsichtiges „Mal schauen“. Selbst wenn natürlich das Label ECM auf alle Fälle warmen und hervorragenden Sound garantiert. Zwei Jazz-Giganten, die zusammen schon alles gespielt haben, was es zu spielen gibt – was soll da noch kommen? Und es gibt ja immer die Gefahr schlimmer Artistik. Und dann das: „Memories Of Home“ ist eines dieser seltenen Alben, bei denen man nach dem ersten Durchgang denkt: „Ich lag komplett falsch.“ Die beiden haben sich für dieses Projekt nicht weniger vorgenommen, als ihre musikalischen Wurzeln auszugraben: Blues, Gospel, Country, Folk – alles findet seinen Weg in diese zwölf instrumentalen Stücke, die Scofield größtenteils selbst geschrieben hat. Dabei klingen sie nie wie eine akademische Übung oder wie zwei alte Herren, die sich nostalgisch an vergangene Zeiten klammern. Im Gegenteil: Die Musik atmet, swingt und groovt mit einer Leichtigkeit, die man in dieser Form eher von hungrigen Newcomern erwarten würde als von zwei Veteranen, die zusammen weit über 100 Jahre Bühnenerfahrung mitbringen. Scofield spielt auf „Memories Of Home“ mit einer Wärme und einem erdigen Sound, der perfekt zur Stimmung des Albums passt. Seine Gitarre klingt mal nach weiten Prärien, mal nach verrauchten Bars im Mississippi-Delta, und immer wieder blitzen diese Jazz-Momente durch, die zeigen: Ja, das ist immer noch John Scofield. Holland wiederum ist der perfekte Partner für diesen Trip – sein Bass ist Fundament und treibende Kraft zugleich, mal tief im Groove versunken, mal melodisch vorwitzig. Was die beiden hier zu zweit an Kontrabass und E-Gitarre schaffen, ist keine Fingerübung zweier Könner, sondern pulsierende Musik, Jazz at its best.

