Die Berlinerin singt endlich wieder sich selbst
Vier Jahre haben wir gewartet. Vier Jahre, in denen Dota Kehr mit Mascha-Kaléko-Vertonungen brillierte und mit dem Filmorchester Babelsberg träumte. Alles schön und gut, aber wir wollten auch wieder ihre eigenen Songs hören. Und jetzt ist es da: „Springbrunnen“ – 13 (bzw. 24 auf der von uns natürlich empfohlenen, im Plattenladen erhältlichen Deluxe-Edition) Lieder, die genau das sind, was wir an dieser Frau so lieben.
Musikalisch ist das Album ein faszinierender Flickenteppich: Dezente Bossa-Nova-Anklänge treffen auf New Wave, chansonhafte Momente auf Indie-Rock, Westcoast-Pop auf orientalisch verzierte Dance-Tracks. „Im Springbrunnen baden mit nackten Milliardären“ klingt wie frühe Wir sind Helden auf Kirmesbesuch, „Die andere Seite“ mischt Barbershop-Chöre mit Brazil. Die Band um Jan Rohrbach, Patrick Reising, Alex Binder und Janis Görlich spielt so eingespielt und ideenreich, dass man nach jedem Song überrascht ist, wohin die Reise als nächstes geht.
Aber natürlich sind es Dotas Texte, die dieses Album so besonders machen. Mit „Einfach zu abgelenkt“ seziert sie messerscharf unser Social-Media-Zeitalter, in dem wir zu beschäftigt für Utopien sind und lieber in die Bildschirmnarkose flüchten. Bei den bereits erwähnten nackten Milliardären stellt man sich unweigerlich einen gewissen südafrikanischen Tech-Milliardär vor – Dota trifft mit ihrem feinen Humor ins Schwarze, ohne je den Zeigefinger zu heben. Und zwischen all der klugen Gesellschaftskritik gibt es mit „Ich und er“ eines der schönsten und kitschfreiesten Liebeslieder der letzten Jahre: „Ich hab meine gebrochenen Arme um ihn gelegt / Und halt ihn, weil mein gebrochenes Herz zur Zeit für ihn schlägt.“
Die zentrale Frage des Albums formuliert Dota selbst: Wie kann man die Hoffnung behalten in Zeiten wie diesen? Ihre Antwort liegt in dieser Musik – leicht, hüpfend, sprunghaft wie ein Springbrunnen eben, aber mit so viel Substanz, dass man nach jedem Durchlauf etwas Neues entdeckt. Ein wunderbares Album. Wieder mal.

