Heimkommen in die Weite
Wir haben Kevin Morby hier schon oft empfohlen – von „Singing Saw“ über das spirituelle „Oh My God“ bis hin zu „This Is a Photograph“, diesem zwingenden Rock’n’Roll-Nachruf auf Memphis und Jugend und Vergänglichkeit. Jedes dieser Alben hat sich etwas Neues getraut, und trotzdem hatte man immer das Gefühl, dass da noch mehr in diesem Mann steckt. Mit „Little Wide Open“ – seinem achten Studioalbum – löst er dieses Versprechen nun endgültig ein.
Schon mit „Sundowner“ (2020) und „This Is a Photograph“ (2022) hat Morby begonnen, sich mit seiner Herkunft im amerikanischen Mittleren Westen auseinanderzusetzen. „Little Wide Open“ schließt diese Trilogie ab – doch diesmal nicht mehr mit Nostalgie oder dem Schmerz des Verlusts, sondern mit einer neuen Gelassenheit. Die Zeit ist nicht mehr der Feind, sondern Mitreisender: Das ist der emotionale Kern dieser 13 Songs. Produziert von Aaron Dessner, der sich nach Projekten mit Taylor Swift, Ed Sheeran und The National hier ganz in den Dienst der Songs stellt – und genau das ist das Kunststück: Man hört Dessner kaum, und das ist das höchste Lob.
Die Gästeliste liest sich beeindruckend – Justin Vernon (Bon Iver), Lucinda Williams, Amelia Meath, Katie Gavin, Meg Duffy – doch niemand stiehlt Morby die Show. Im sanft rollenden „Natural Disaster“ leiht Lucinda Williams ihre gebrochene, lebenserfahrene Stimme einem Song über Verlust, der einen still werden lässt. „Javelin“, die erste Single, ist hypnotisch und ohrwurmtauglich zugleich – Morbys Markenzeichen. Und der achtminütige Titeltrack in der Albummitte ist vielleicht tatsächlich sein bisher größter Song: weit, still, unausweichlich schön.
Man kann es wahrscheinlich merken: Ich schätze Kevin Morby sehr. „Little Wide Open“ gibt mir keinen Anlass, damit aufzuhören. Im Gegenteil.

