Wenn die Zeit im Dachboden stehen bleibt
In my own time, I take my own time – diesen Satz könnte man Alela Diane glatt als Lebensmotto unterstellen, und genau dieser Geist durchzieht ihr neues, siebtes Album. Wer Alela Diane kennt, weiß: Eine richtige Schublade gibt es für sie nicht. Aber wenn die Luft flirrt, wenn man als Letzte auf der Party übrigbleibt oder im Dunkeln noch ein Album braucht, das einen trägt, dann ist es wieder mal Zeit für Alela Diane.
„Who’s Keeping Time?“ entstand in zehn Tagen im Dachboden ihres viktorianischen Hauses in Portland, Oregon – live eingespielt, ohne Click-Tracks, ohne Tricks. Auslöser war eine traurige Nachricht: der Tod der Folk-Legende Michael Hurley im April 2025. Ein Tribute-Konzert für ihn brachte Diane zurück in die Gemeinschaft mit anderen Musiker*innen, nach Jahren eher solitärer Veröffentlichungen. Das Ergebnis ist hörbar: Wärme, Nähe, ein Ensemble-Gefühl, das ihrem Album „To Be Still“ nahekommt. Mit dabei sind unter anderem Anna Tivel und Lucius-Gitarrist Peter Lalish, dazu Klarinette, Wurlitzer, Pedal Steel und jede Menge zärtlich verwobene Saiteninstrumente.
Eröffnet wird das Album mit „California“, einem sonnig-melancholischen Heimkehrer-Song samt sanftem Pfeifen, der gleich klarmacht: Hier verschwimmen Erinnerung und Gegenwart auf wunderbar leichte Weise. „Dusty Roses“ und „Wide Open Spaces“ zeigen Diane in ihrer ehrlichsten Form, während „To Be Kind“ – geschrieben aus der Perspektive einer Mutter an ihr Kind – mit entwaffnender Zärtlichkeit berührt. Auch politische Wut findet Platz: In „Piss, Coffee, Blood or Wine?“ rechnet sie scharf mit Doppelmoral und Macht ab. Den Schluss bilden zwei zeitlose Abgesänge auf die Endlichkeit, „Fragile As A Flame“ und „Endless Waltz“, letzteres ein Liebesbrief an ihre Großeltern.
„Who’s Keeping Time?“ ist keine laute Platte, aber eine, die bleibt. Diane nimmt sich die Zeit, die sie braucht.
PS: Alela Diane spielt am 3. Juli in der Katharinenruine in Nürnberg.

