Der schönste Genre-Verrat der Popgeschichte
Manchmal muss man eine Band auflösen, um frei zu werden. Genau das passierte Joe Jackson im Frühjahr 1981. Sein Schlagzeuger Dave Houghton hatte die Joe Jackson Band verlassen, das dritte Album „Beat Crazy“ war kommerziell enttäuschend gelaufen, und plötzlich saß ein 26-jähriger New-Wave-Held mit drei Alben Output zwischen den Stühlen. Was macht man in so einer Situation? Man könnte verzweifeln. Joe Jackson rief stattdessen seinen alten Bekannten Larry Tolfree an, einen Schlagzeuger mit Hang zu Buddy Rich und Big-Band-Fanatismus, heuerte drei Bläser und einen Keyboarder an – und nahm innerhalb weniger Wochen im Mai 1981 in den Basing Street Studios in London ein Album auf, das mit New Wave so viel zu tun hatte wie ein Grammophon mit Spotify.
„Joe Jackson’s Jumpin‘ Jive“ ist eine Hommage an die Swing- und Jump-Blues-Ära der 30er und 40er Jahre, an Cab Calloway, an Glenn Miller, vor allem aber an Louis Jordan. Jordan war mit seiner Tympany Five der kommerziell erfolgreichste Bandleader der Jump-Blues-Bewegung, jener Musik, die irgendwo zwischen Big-Band-Swing und Rhythm & Blues entstand und ohne die es Rock’n’Roll in seiner heutigen Form vermutlich nicht gäbe. Jordan brachte zwischen 1942 und 1951 fast 60 Charthits raus, immer mit treibendem Rhythmus, geschrienen Vocals und röhrenden Saxophonsoli – genau jenes Vokabular, das Jackson hier mit jugendlicher Energie wiederbelebt.
Was Joe Jackson und seine Band aus Songs wie „Five Guys Named Moe“, „Is You Is or Is You Ain’t My Baby“ (beide Jordan) oder dem titelgebenden Calloway-Stück „Jumpin‘ Jive“ machen, ist alles andere als verstaubte Repertoire-Pflege. Pete Thomas‘ Altsaxophon brennt, Raul Oliveiras gedämpfte Trompete schmeichelt, und Larry Tolfree trommelt mit einer Präzision, die das ganze Unternehmen zusammenhält wie ein gut gestärkter Anzugkragen. Jackson selbst hat die Klavierbank gegen das Vibraphon getauscht und singt mit einer Lässigkeit, die zwischen liebevoller Verehrung und durchtriebenem Schalk pendelt – nie reine Kopie, immer mit einem Zwinkern. „We the Cats (Shall Hep Ya)“ ist ein Call-and-Response-Vergnügen, bei dem man förmlich spürt, wie die Band im Studio grinst. „Tuxedo Junction“ lässt fünf Minuten lang Zeit, sich in den Grooves zu verlieren, und das abschließende „How Long Must I Wait for You“ endet mit einem so explosiven Drum-Solo, dass man Tolfree danach erstmal durchatmen lassen möchte.
Die zeitgenössische Kritik reagierte gespalten – ein Jazzalbum mitten im New-Wave-Boom war 1981 schlicht nicht das, was das Publikum erwartete, und kommerziell blieb „Jumpin‘ Jive“ hinter „Look Sharp!“ zurück, auch wenn es in UK auf Platz 14 und in den USA auf Platz 42 kletterte. Rückblickend hat sich das Bild aber deutlich gewandelt: Der Rolling Stone Album Guide bezeichnete es als den gelungensten von Jacksons vielen stilistischen Ausflügen, und mehrere Kritiker*innen sehen das Album heute als eine Art Blaupause für die Swing-Revival-Welle der 90er. Bassist Graham Maby erinnerte sich später daran, dass die Leute das Album „geliebt“ hätten, es aber „nicht in den Hunderttausenden“ verkauft wurde – eine schöne Pointe für ein Werk, das im Nachhinein viel größer wirkt als in seinem eigenen Moment.
Diskografisch ist „Jumpin‘ Jive“ der Moment, an dem klar wurde: Joe Jackson lässt sich von niemandem in eine Schublade stecken. Nach dem New-Wave-Geradeaus von „Look Sharp!“ und „I’m the Man“ und dem Reggae-Experiment „Beat Crazy“ war dieser Schwenk ins Swing-Zeitalter der mutigste Schritt – und er ebnete direkt den Weg zu „Night and Day“, jenem Jazz-Pop-Meisterwerk von 1982, mit dem Jackson dann auch kommerziell wieder oben ankam. Ohne den Freiraum, den er sich mit diesem einen „One-off-Album“ (wie Maby es nannte) erlaubte, hätte es diesen kreativen Sprung wohl nie gegeben. „Jumpin‘ Jive“ ist insofern kein Ausreißer in der Karriere, sondern der Schlüssel zu allem, was danach kam: ein Beweis, dass Jackson sich von Genre-Zäunen schlicht nicht beeindrucken ließ.

