Zwischen den Genres zuhause
Es gibt Musiker*innen, die sich mit jedem Album treu bleiben, und solche, die sich neu erfinden. Son Little macht beides gleichzeitig – und das ist sein eigentliches Kunststück. Aaron Earl Livingston, in Los Angeles als Sohn eines Predigers und einer Lehrerin geboren, später in Philadelphia verwurzelt, jetzt in Atlanta – ein Mann, der schon mit The Roots, Mavis Staples und RJD2 gearbeitet hat und für sein Produktionswerk an Staples‘ „See That My Grave Is Kept Clean“ einen Grammy gewann. Und jetzt: „Cityfolk“, sein fünftes Album unter dem Pseudonym Son Little, aufgenommen im Januar 2025 in Muscle Shoals, Alabama.
Der Anlass war denkbar unromantisch: Sein Haus stand unter Wasser. Was dabei entstand, klingt wie ein Glücksfall. In Muscle Shoals, dem kleinen Städtchen, das einst Otis Redding, Aretha Franklin und Bob Dylan anzog, arbeitete Little mit Alabama-Shakes-Musiker Ben Tanner zusammen – und entdeckte dabei, dass seine Mutter von genau dieser Gegend stammt. „Sometimes the spirits will guide you to a place when you don’t even know why you found yourself there“, sagt er. Das hört man.
„Cityfolk“ beginnt mit „Rabbit“, einem banjogetriebenen Americana-Stück, das sofort das Herz schneller schlagen lässt – dann kommt „Whip The Wind“, sinnlich und afro-latino, fast wie früher Stevie Wonder. Banjo trifft Mellotron, Drum Machine trifft Bläser, Folk trifft R&B. Wer Son Little in eine Schublade stecken will, ist selbst schuld. „The industry likes to keep artists in little boxes“, sagt er – und beweist mit jedem Track, wie wenig ihn das juckt. „Paper Children“, der dunkelste Moment des Albums, ist sein wütendster: ein Aufschrei für die Entrechteten, mit verzerrten Vocals und einer Dringlichkeit, die unter die Haut geht.
Was „Cityfolk“ zusammenhält, ist Son Littles Stimme – warm, glatt, scheinbar mühelos und dabei enorm ausdrucksstark. Ein Album, das gleichzeitig zeitlos und hochaktuell klingt.

