Die Texte sind das Werk. Die Musik ist das Instrument.
Für viele Menschen, die im Osten der Bundesrepublik groß geworden sind, ist Keimzeit keine Band, sondern ein Lebensbegleiter. Norbert Leisegang, 65, hat seit den frühen Achtzigern aus einer kleinen Brandenburger Familienband eine der eigenständigsten Stimmen der deutschen Musiklandschaft gemacht – unbeeindruckt von Trends, von Hypes oder davon, was gerade als zeitgemäß gilt. Und auf Album Nummer 14 ist das nicht anders.
„Ach, die Menschen“ ist ein durch und durch typisches Keimzeit-Album. Wer also weiß, worauf man sich einlässt, bekommt das, wofür man Keimzeit liebt: Texte, die in der Alltäglichkeit das Wesentliche aufspüren, ohne dabei je in Banalität oder Pathos abzurutschen. Gesellschaftskritik findet hier nicht auf Demonstrationen statt, sondern zwischen Menschen, die aneinander vorbei leben, hinter dicken Mauern und verschlossenen Türen. „Hinter Dicken Mauern“ hat dabei sogar überraschend viel Ohrwurm-Potenzial, während „Fasching im Februar“ chansonhaftes Erzählen mit einem schelmischen Humor verbindet, der Leisegang gut steht. Und „Sultan tanzt Samba“ ist genau die liebenswürdige Miniatur, die man von dieser Band schätzt und erwartet.
Musikalisch bewegt sich das Keimzeit Akustik Quintett auf vertrautem Terrain: Reggae-Anklänge, Folkrock, ein bisschen Chansonflair. Eine karibische Heiterkeit – die Band besuchte im Herbst 2024 Kuba – schimmert an manchen Stellen durch. Das ist alles gut gemacht, solide und warm – und ja manchmal eine Spur aus der Zeit gefallen. Aber wer sich auf die Texte einlässt, entdeckt auf „Ach, die Menschen“ trotzdem große Kunst.

