Rau, Ehrlich, Geil
Damit hätte ich nicht mehr gerechnet. Ernsthaft. The Black Crowes, die mit „Shake Your Money Maker“ und „The Southern Harmony and Musical Companion“ Anfang der Neunziger einen schier unerreichbaren Standard setzten – und danach jahrelang vor allem durch Bruderkrieg und Stillstand von sich reden machten – liefern 2026 ein Album ab, das sich anfühlt wie ein Fausthieb aus dem Nichts. Rau. Pur. Kraftvoll. Ehrlich. Geil.
Zehn Tage hat es gedauert, „A Pound of Feathers“ in Nashville mit Produzent Jay Joyce einzuspielen. Man hört es. Nicht als Makel, sondern als Qualitätsmerkmal. Diese Platte atmet, schwitzt, taumelt – und steht trotzdem wie eine Wand. Gleich der Opener „Profane Prophecy“ ist ein Pflock, der sofort in den Boden gerammt wird: Slide-Gitarre, Cowbell, Chris Robinsons kehlige Beschwörung, alles auf einmal, kein Anlauf. Und Rich Robinson? Der spielt hier das Beste seiner Karriere – funky, direkt, unwiderstehlich.
Was „A Pound of Feathers“ von so vielen Reunion-Alben unterscheidet, ist das vollständige Fehlen von Nostalgie-Kalkül. Die Robinson-Brüder wühlen nicht in der eigenen Geschichte, sie leben im Moment. „Pharmacy Chronicles“ schaukelt sich in eine wunderbar schlaflose, verrauchte Schwere, „Blood Red Regrets“ groovt dunkel und mächtig durch einen langen Tunnelgang, „Doomsday Doggerel“ schließt das Album mit einem aggressiv-bluesigen Riff ab, das nach allem klingt, was die Black Crowes je geliebt haben – und nach nichts außer sich selbst.
Rolling Stones treffen Allman Brothers, Led Zeppelin flüstert durch die Hintertür, die Faces stehen mit einem Grinsen am Tresen. Ja, das stimmt alles. Aber vor allem klingt das hier nach The Black Crowes. Im Jahr 2026. Hungriger denn je.

