Das Gründungsdokument der Americana – 40 Jahre jung und kein bisschen leise
Es gibt Platten, die klingen, als wären sie für den Moment gemacht. Und es gibt Platten, die klingen, als wären sie für alle Momente gemacht. „Guitar Town“ gehört zur zweiten Sorte. Am 5. März 1986 veröffentlicht, feiert das Debütalbum von Steve Earle dieser Tage seinen 40. Geburtstag – und es ist keine Sekunde gealtert. Wer das heute auflegt, hört kein museales Artefakt, sondern einen Aufschrei, der noch immer hallt.
Dabei war die Geburt dieses Albums alles andere als selbstverständlich. Steve Earle war bei der Veröffentlichung 31 Jahre alt und hatte bereits ein gutes Jahrzehnt damit verbracht, sich durch Nashville zu kämpfen – als Bassist in Guy Clarks Band, als Songwriter für die Schublade, als einer, der bei jedem Label abgelehnt worden war. Der Typ kannte Townes Van Zandt persönlich, spielte schon mit 14 in Coffeeshops, schleppte sich durch drei gescheiterte Ehen und einen abgebrochenen Plattenvertrag bei Epic Records, wo ein fertiges Album einfach in der Versenkung verschwand. Nashville, so Earle selbst, hatte seinen Singer/Songwriter schon gehabt – der hieß Hank Williams, und man wollte, dass das nie wieder passiert. Und dann erschien „Guitar Town“ und es passierte.
Was MCA-Produzent Tony Brown und Mitproduzent Emory Gordy Jr. mit Earle und seiner Band The Dukes in einem kleinen Studio in Nashville aufnahmen, war für die damalige Country-Welt ein Fremdkörper: zu felsig für Country, zu countryesk für Rock. Die Radiomacher wussten nicht, was sie damit anfangen sollten. Dabei war die Antwort eigentlich simpel: Es war beides. Und noch mehr. Gitarrist Richard Bennett – kein Nashviller, hatte vorher Neil Diamond begleitet – zimmerte einen Gitarrensound, den man heute sofort wiedererkennt: dieses trockene, leicht tremolierte Twang-Growl, das schon in den ersten Sekunden des Titeltracks alle Welt wissen lässt, dass hier jemand am Start ist, der es ernst meint.
Earle schrieb „Guitar Town“ und „Down the Road“ – Eröffnung und Abschluss – als erstes, ganz bewusst als Buchstützen, und füllte dann die Mitte. Das Ergebnis klingt tatsächlich wie ein Gesamtkunstwerk, nicht wie eine Sammlung von Songs. Der Titeltrack beschreibt einen Musiker auf Tour, der Nashville hinter sich lässt – und klingt dabei wie der vollkommenste Song über das Musikmachen. „Hillbilly Highway“ ist Earles halbautobiografische Familiengeschichte über drei Generationen, die alle dem Ruf der Straße folgen – Großvater in die Minen, Vater in den Job, der Erzähler zur Gitarre. Und „Someday“? AllMusic-Kritiker Mark Deming nannte es schlicht den besten Bruce-Springsteen-Song, den Springsteen nie geschrieben hat – einen Track über einen jungen Mann, der in einer Kleinstadt feststeckt, während die Autobahn außen vorbeizieht, ohne sie auch nur zu streifen. Diese Beschreibung ist kaum zu toppen.
Doch „Guitar Town“ ist nicht nur die Summe seiner Americana-Reflexe. Es ist auch ein zutiefst persönliches Album. „Little Rock ’n‘ Roller“ – für manche das emotionale Zentrum der Platte – ist ein Brief, den ein Vater auf Tournee an seinen kleinen Sohn zu Hause schreibt, seinen Erstgeborenen Justin Townes Earle, der 2020 viel zu früh sterben würde. Diese Zeile, dieser Song, bekommt im Nachhinein ein Gewicht, das kaum zu ertragen ist. „Good Ol‘ Boy (Gettin‘ Tough)“ wiederum ist politische Diagnose in Country-Kleidung: ein Mann, geboren im Land der Fülle, der fragt, wo der Wohlstand geblieben ist. 1986. Als wäre es gestern.
Die Kritik der Zeit war positiv, aber nicht immer ganz gewappnet für das, was da ankam. Spin sah das Album als Spiegel der Reagan-Ära, musikalisch stark, textlich ernüchternd. Der Rolling Stone führt es bis heute auf seiner Liste der 500 besten Alben aller Zeiten. 2024 landete der Titelsong auf Platz 146 in Rolling Stones Liste der 200 größten Country-Songs aller Zeiten. Und Paste schrieb zum 30-jährigen Jubiläum: Das Album klingt genauso gut – und genauso relevant – wie am ersten Tag.
Man kann sich über Steve Earles späteres Werk streiten. „Copperhead Road“ (1988) war sein kommerzieller Höhenflug. „I Feel Alright“ (1996) sein künstlerischer Wiederaufstieg nach Drogen, Gefängnis und Chaos. Seine politischen Alben der 2000er Jahre haben ihn zum unbequemsten aller Americana-Patriarchen gemacht. Aber alles beginnt hier, mit diesen zehn Songs, in diesem kleinen Studio in Nashville, aufgenommen von einem 31-jährigen, der eigentlich keine Chance hatte und es trotzdem erzwungen hat. „Guitar Town“ ist das Gründungsdokument der Americana. Chris Stapleton, Jason Isbell, Eric Church – sie alle stehen auf den Schultern dieses Mannes, und diese Schultern wurden hier, auf diesen 35 Minuten, breit genug, um das Gewicht zu tragen. Noch Fragen? Auflegen. Bitte. Und laut.

