Eine Stimme, die den Regen vergisst
Montreal, 29. Juni 2024. Der Regen hatte gerade aufgehört, als Dominique Fils-Aimé die Hauptbühne des Festival International de Jazz betrat. Was an diesem Abend passierte, ist jetzt als erstes Live-Album der kanadischen Sängerin und Songwriterin festgehalten – und man ist froh darüber.
Fils-Aimé ist in Quebec längst kein Geheimtipp mehr. Zwei JUNO Awards für das beste Vocal-Jazz-Album, eine Trilogie über die Geschichte afroamerikanischer Musik, Auftritte neben Diana Krall und Melody Gardot: Die 1984 in Montreal geborene Tochter haitianischer Einwanderer hat sich still und beharrlich in die erste Liga des nordamerikanischen Vocal-Jazz gespielt. Ihr Live-Album fasst die gesamte Diskografie in einem Konzertbogen zusammen – von frühen Songs wie „Grow Mama Grow“ bis hin zu Stücken aus „Our Roots Run Deep“ (2023).
Was dieses Album so besonders macht, ist das Prinzip, nach dem die Show aufgebaut ist: Die Songs fließen ineinander über, einer endet dort, wo der nächste beginnt. Das ist keine Spielerei, sondern Programm. Jeder emotionale Impuls nährt den nächsten, bis Bühne und Publikum in denselben Fluss geraten. Fils-Aimé beginnt leise, baut eins nach dem anderen auf, als würde sie eine Komposition vor den Augen des Publikums neu erfinden. Beim spirituell aufgeladenen „Fall And All“ verstummt die Menge, ohne dass jemand dazu aufgefordert wurde. Dann wieder „Tall Lion Down“ mit seinem federnden Tanzrhythmus, das ekstatische Ausufern von „Love Take Over“ – die Band um Keyboarder David Osei Afrifa, Gitarrist Étienne Miousse und Trompeter Hichem Khalfa trägt das alles mit Spielfreude und Mut zu kreativen Risiken.
Kein Live-Album für Vollständigkeitssammler, sondern eines für Menschen, die wissen wollen, warum manche Konzerte unvergesslich bleiben.

