Ein Palast aus Blech und Baritonstimme
„Der kann ja gar nicht singen!“ — ich habe diese Aussage selbst erlebt, damals bei „Jazz am See“, als empörte Menschen an unserem Verkaufsstand vorbeirauschten, während Kurt Elling auf der Bühne stand und das Publikum in zwei Lager teilte: die einen fassungslos begeistert, die anderen schlicht fassungslos. Das ist, was wir Kostverächter nennen. Denn Kurt Elling, Grammy-Gewinner, Chicagoer durch und durch, ist seit Jahrzehnten eine der faszinierendsten Stimmen im Jazz — präzise, dunkel, theatralisch, immer auf der Suche nach der nächsten Erzählung.
Mit „In The Brass Palace“ findet er sie mit Wucht. Aufgenommen im Oktober 2024 in Studio 4 des Kölner WDR, trifft seine Baritonstimme auf die legendäre WDR Big Band unter Leitung von Bob Mintzer — und das Ergebnis klingt nicht nach Sänger mit Orchesterbegleitung, sondern nach echter Partnerschaft auf Augenhöhe. Sechs ausgedehnte Tracks, jeder ein kleines dramatisches Universum, von Joe Jacksons „Steppin‘ Out“ im satten Big-Band-Gewand über Ellingtons „I Like the Sunrise“ bis zu Wayne Shorters „They Speak No Evil“ — alles neu gewandet, neu texturiert, in Ellings eigene lyrische Handschrift übersetzt.
Was hier passiert, hat Elling selbst einmal als „Sonic Palace“ beschrieben, und genau das trifft es: Die Blechbläser öffnen Räume, die Saxofonsektionen bauen Spannungsbögen, und Elling bewegt sich darin wie jemand, der diesen Palast schon immer bewohnen wollte. Bassist John Goldsby und Schlagzeuger Hans Dekker legen das Fundament, auf dem sich Elling in Momenten fast flüsternd nähert und dann in lang gehaltene Noten ausbricht, die das Orchester mitzutragen scheint.
Ob man Elling mag oder eben nicht — damit hat dieses Album nichts zu tun. Es ist schlicht eine der aufregendsten Vocal-Jazz-Veröffentlichungen des noch jungen Jahres.

