Mit 73 Jahren mitten im kreativen Höhenflug
„Some songs got complicated melodies / This one don’t“ singt Eric Bibb auf seinem neuen Album und sagt damit eigentlich alles. Man weiß genau, wie eines seiner Alben klingt. Man könnte – wenn man böse ist – sagen: Kennt man eines, kennt man alle. Aber auf der anderen Seite gibt es wirklich wenige, die diesen old fashioned und gleichzeitig entspannten Blues so spielen wie Eric Bibb. 14 neue Songs, easy und wenn ich eine klassische Front Porch hätte, wäre „One Mississippi“ sicher im Sommer einer der Soundtracks. Doch das wäre zu kurz gegriffen: Mit 73 Jahren legt Bibb hier eines seiner stärksten Alben vor, das weit mehr ist als gemütlicher Veranda-Blues. Der Mississippi fließt durch diese Songs wie ein roter Faden, trägt Geschichten von Ungerechtigkeit und Hoffnung. „Crossroads Marilyn Monroe“ erzählt die bittere Geschichte von Emmett Till, „No Clothes On“ entlarvt die Eitelkeit der Mächtigen. Und doch klingt nichts verbittert – Bibb bleibt seiner gelassenen Weisheit treu, eingebettet in die sparsame, aber umso wirkungsvollere Produktion von Glen Scott und getragen von Robbie McIntosh an der Slide-Gitarre sowie Paul Jones an der Mundharmonika. Blues als Lebenskunst, nicht als Klage.

