Heldinnen-Cello: Die Cellistin macht vergessene Komponistinnen hörbar
Man könnte jetzt natürlich die Frage stellen, ob es für eine weitere Klassik-CD mit Cello-Sonaten und Konzerten wirklich Bedarf gibt. Bei Raphaela Gromes liegt die Antwort auf der Hand: Absolut! Denn was die Münchnerin Cellistin auf ihrem Doppelalbum „Fortissima“ zusammengestellt hat, ist weit mehr als nur ein weiteres Klassik-Projekt. Es ist ein musikalisches Statement, das längst überfällig war. Nach ihrem gefeierten Album „Femmes“ von 2023 legt Gromes mit diesem Projekt noch einen drauf und widmet sich ausschließlich großformatigen Werken von Komponistinnen, die die Musikgeschichte systematisch übergangen hat. Viele dieser Stücke sind Weltersteinspielungen – Musik, die teilweise jahrhundertelang auf Dachböden verstaubte oder in Privatarchiven schlummerte. Die erste CD vereint Kammermusik für Cello und Klavier, darunter die wunderbar romantische Cellosonate der Niederländerin Henriëtte Bosmans, Werke von Emilie Mayer und Luise Adolpha Le Beau, sowie die erst 2018 von der Enkelin auf dem Dachboden entdeckte „Méditation“ von Mélanie Bonis. Als Bonus gibt’s noch Adeles „All I Ask“ im Klassik-Gewand. Die zweite CD öffnet die Bühne für das Orchester: Das fast vergessene Cellokonzert der deutsch-jüdischen Komponistin Maria Herz, dem die Nazis die Uraufführung raubten, erklingt neben der Ballade von Elisabeth Kuyper, die Julian Riem aus einem Klavierauszug rekonstruieren musste, weil die Originalpartitur verschollen ist. Dazu kommen zwei eigens für Gromes komponierte Stücke der Britin Rebecca Dale, die ihr Cello bis in extreme Höhen treiben, sowie P!NKs „Wild Hearts Can’t Be Broken“ als orchestraler Schlusspunkt. Raphaela Gromes spielt das alles mit warmem, vielfältigem Ton und einer Leidenschaftlichkeit, die jede Note zum Leuchten bringt. Unterstützt von ihrem langjährigen Klavierpartner Julian Riem und dem Deutschen Symphonie-Orchester Berlin unter Anna Rakitina, beweist sie: Diese Musik ist nicht nur historisch bedeutsam, sie ist schlichtweg großartig. Einziger kleiner Wermutstropfen: Bei den Orchester-Stücken ist das Cello etwas zu dominant abgemischt, das Orchester wirkt stellenweise ein wenig zu zurückhaltend. Aber ehrlich: Das ist Meckern auf ganz hohem Niveau. „Fortissima“ ist nicht nur ein Album – es ist ein Meilenstein und ein überfälliger Weckruf.

