Zärtlichkeit als radikale Waffe gegen eine harte Welt
Adrianne Lenker findet auf ihrer Schulter ein graues Haar und macht daraus in „Incomprehensible“ Don’t get saggy, don’t get grey“, wolle uns die Gesellschaft einreden. Ihre Antwort? „Let gravity be my sculptor, let the wind do my hair.“ Wie sie der Natur freie Hand lässt, so fühlt sich auch die Musik von Big Thief an: fließend, wuchernd, ein warmer Strom, der sich hebt und senkt. Das Power Station Studio in Manhattan wird zur Therapie-Praxis für das nun auf ein Trio geschrumpfte Kollektiv. Mit fast einem Dutzend Gästen entstehen bei freigeistigen, ja, geradezu hippiesken Jam-Sessions neun Songs, die weniger auf Hit-Qualitäten setzen als auf unterschwellige hypnotische Magie. Und während dieser Zeit sind selbstverständlich alle Musiker*innen Big Thief nicht nur Adrianne Lenker, Buck Meek und James Krivchenia – quasi eine Kommune. Das alles führt zu einem äußerst hypnotischem Sound, der nicht viel mit den Soloaktivitäten der Protagonisten zu tun hat, Psych-Folk-Rock. „Los Angeles“ trägt mit subtilem Country-Touch die Vibes der „Basement Tapes“ von Bob Dylan und The Band in die Gegenwart, während das sieben Minuten lange „Grandmother“ in repetitiven Mustern die traumatische Kindheit verarbeitet. „Wir wollten keine Bitterkeit vertonen, sondern Versöhnung und Aufbruch“, erklärt Buck Meek. „Gonna turn it all into rock and roll“ – Schmerz in Kreativität verwandeln.

