Wenn Fusion nicht nur im Kopf passiert
Als Vincent Peirani während der ersten Corona-Lockdowns in seinem Pariser Zuhause saß und improvisierte, entstand das Motiv zu „Better Days“ – ein zerbrechlicher Walzer, der aus der Dunkelheit ins Licht führt. Diese Szene könnte als Geburtsstunde von „Living Being durchgehen, einem Album, das Zeit nicht als lineares Phänomen begreift, sondern als schillerndes Mosaik aus Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft. Der französische Akkordeonist, der in den letzten Jahren vor allem als Begleiter glänzte, etwa an der Seite von Youn Sun Nah, legt hier sein bislang persönlichstes und zugleich mutigstes Album vor. Zusammen mit seinem seit Jahren eingespielten Quintett – Saxofonist Émile Parisien, Keyboarder Tony Paeleman, Bassist Julien Herné und Schlagzeuger Yoann Serra – baut Peirani eine klangliche Architektur, die von zarten Kammermusikmomenten bis zu treibenden Jazz-Rock-Passagen reicht und dabei niemals prätentiös wirkt. Das Herzstück bildet die dreiteilige Suite „Time Reflections“ aus den Stücken „Clessidra“, „Better Days“ und „Inner Pulse“, jedes wiederum in mehrere Teile gegliedert. Hier zeigt sich Peirani als Baumeister, der jeden kleinsten Ton mit Bedacht setzt. „Clessidra“ beginnt zurückhaltend mit Klavier und Saxofon, ehe das Akkordeon sich langsam in den Vordergrund spielt. „Inner Pulse“ dagegen treibt vorwärts, das Akkordeon und die Rhythmusgruppe legen einen stetigen Groove an, über dem sich die Melodien spiralförmig aufbauen, bis alle fünf Musiker in einer kraftvollen Unisono-Figur zusammenfinden. Doch Peirani wäre nicht Peirani, würde er sich auf kontemplative Suiten beschränken. „L.L.“, eine Hommage an den beninischen Gitarristen Lionel Loueke, startet mit funkigem Fender-Rhodes-Schimmer à la Booker T. & the M.G.’s, während „Physical Attraction“ mit seinem Reggae-artigen Akkordeon-Puls und Dub-Anleihen direkt auf die Tanzfläche zielt. Am verblüffendsten aber ist die „Bremain Suite“, in der Peirani Queens „Under Pressure“, Portisheads „Glory Box“ und die Beatles‘ „I Want You (She’s So Heavy)“ zu einem schlüssigen Medley verschmilzt – drei Songs, die auf den ersten Blick nichts gemein haben, deren familiäre Verwandtschaft Peirani aber angeblich schon als Teenager erkannte. Was dieses Album so besonders macht, ist sein Mut zur Grenzüberschreitung. Barocke Polyfonie trifft auf makedonische Folklore, Voguing-inspirierte Beats auf Kammermusik-Intimität. Das Akkordeon klingt mal nach Kirchenorgel, mal nach pulsierender Clubmusik, und Parisiens Sopransaxofon schwebt elegant darüber, ohne jemals aufdringlich zu werden. Man hört förmlich, wie viel Vertrauen sich diese fünf in den Jahren ihrer Zusammenarbeit erarbeitet haben. Es ist Musik, die zum Innehalten einlädt, die aber gleichzeitig vorwärts drängt. Ein Album, in dem man sich verlieren kann, aber immer wieder mal nur staunt oder durch die Wohnung tanzt. Oder beides.

