Als hätte die Zeit nie existiert – The Roots feiern ihr Meisterwerk
„Do You Want More?!!!??!“, das 1995er Major-Label-Debüt von The Roots, ist ein Album, das gereift ist wie guter Wein. 30 Jahre später beweist „The Roots Come Alive Too: DYWM30 Live at Blue Note“, dass dieser Jazz-Rap-Klassiker nicht nur überlebt hat – er lebt und atmet kraftvoller denn je. Im März 2025 spielten Black Thought, Questlove und ihre Crew sechs ausverkaufte Shows im legendären Blue Note Jazz Club in New York City. Drei Nächte, sechs Konzerte, ein Album komplett durchgespielt – inklusive Songs, die seit Jahrzehnten nicht mehr live zu hören waren. Was auf diesen 21 Tracks festgehalten wurde, ist weit mehr als eine nostalgische Jubiläumsfeier. Es ist der Beweis, dass The Roots damals etwas erschaffen haben, das bis heute besonders geblieben ist: echten, organischen Hip-Hop, ohne Samples, gespielt von Musikerinnen, die ihr Handwerk einfach beherrschen. Die Setlist liest sich wie ein Who’s Who vergessener Perlen: „Distortion To Static“, „Proceed“, „Datskat“, „I Remain Calm“ – Tracks, die in den vergangenen Jahren kaum noch auf irgendeiner Bühne gespielt wurden. Black Thought liefert Verse, die er vor drei Jahrzehnten geschrieben hat, mit einer Präzision und Intensität, als wären sie gestern entstanden. Seine Stimme hat nichts von ihrer Schärfe verloren, sein Flow nichts von seinem beboppigen Groove. Questlove steuert das Ganze mit der metronomischen Präzision, die ihn zum besten Hip-Hop-Drummer seiner Generation gemacht hat. Besonders bewegend: Die Gastauftritte. Ursula Rucker eröffnet mit „There’s Something Goin‘ On“, Dice Raw bringt „The Lesson Pt. 1“ zu seinem Höhepunkt, und Beatbox-Legende Rahzel zeigt, warum man ihn den Godfather of Noise nennt. Diese Menschen gehören zu dieser Musik, sie sind Teil ihrer DNA – und das Blue Note hatte hörbar genau die richtige intime Atmosphäre, um das spürbar zu machen. Was das Live-Album so besonders macht: Questlove hat „tireless hours“ ins Mixing und Mastering mit Glen Forrest und Colin Mohnacs gesteckt. Das hört man. Die Aufnahme klingt nicht wie ein steriler Studiofilm, sondern nach lebendiger, atmender Musik – mit Raum zwischen den Tönen, mit Energie im Bass, mit Schweiß auf der Snare. Man hört die Intimität des Blue Note, spürt fast die Enge zwischen Bühne und Publikum, erlebt diese seltene Magie, wenn Musikerinnen und Publikum zu einem Organismus verschmelzen.
Dass „Do You Want More?!!!??!“ erst 2015 – zwanzig Jahre nach Erscheinen – Gold-Status erreichte, erzählt viel über sein Erbe. Es war kein sofortiger Megahit, aber es war ein Album, das langsam wuchs, das Menschen über Jahrzehnte begleitete, das zur heimlichen Referenz wurde. Dieses Live-Doppelalbum beweist nun: Die Songs haben nichts von ihrer Kraft verloren. Im Gegenteil. Sie klingen heute relevanter denn je, weil sie nie einem Trend hinterherliefen, sondern einfach nur großartig waren.

