Wenn Jazz zum Kino wird
Die aus Tübingen stammende und in Nürnberg lebende Klarinettistin Rebecca Trescher hätte in den Fünfzigern wahrscheinlich Filmmusik komponiert. Und zwar die gute Art, die in Schwarz-Weiß-Bildern nachklingt und Räume öffnet, wo andere nur Türen schließen. Auf „Changing Perspectives“, ihrem neunten Album, erschafft sie zusammen mit Andreas Feith (Piano), Phil Donkin (Bass), Tobias Backhaus (Drums) sowie Gast-Musiker*innen Theresia Philipp, Joachim Lenhardt und Philipp Brämswig ein Jazzalbum, das sich nicht wie ein Jazzalbum anfühlt – es fühlt sich an wie ein stiller Film, der im Kopf abläuft.
Zehn Kompositionen, allesamt von Trescher, manche in Ko-Autorenschaft mit Andreas Feith. „Farn“ ist dem Farn gewidmet, jener Pflanze, die unaufhaltsam über verlassene Gebäude wächst. Die Musik beginnt geheimnisvoll, fast bedrohlich, als würde die Natur sich das zurückholen, was die Zivilisation ihr gestohlen hat. Dann öffnet sich „Zaubergarten“, ein zweiteiliges Stück, inspiriert von brasilianischer Musik – und plötzlich ist man in einem verzauberten Garten, wo Zeit keine Rolle spielt. „Song For The Night“ ist Carla Bley gewidmet und klingt genau so: nach nächtlicher Melancholie mit einem Augenzwinkern. „Nautical Twilight“ spielt mit Licht und Schatten, mit dem Moment zwischen Tag und Nacht auf dem Meer.
Was Trescher, Trägerin des Deutschen Jazzpreises 2022 für „Komposition des Jahres“, hier macht, ist keine kleine Sache: Sie komponiert Jazz, der wie zeitgenössische Kammermusik klingt, nutzt Improvisation wie eine impressionistische Malerin ihre Pinselstriche und schafft dabei Klanglandschaften, die cinematisch sind, ohne plakativ zu werden. Ihre Klarinette und Bassklarinette sind nie laut, nie aufdringlich – sie zeichnen feine Linien, während Feith am Piano, Donkin am Bass und Backhaus am Schlagzeug den Raum dafür schaffen. Wenn die Bläser*innen Philipp und Lenhardt dazustoßen, wird der Sound voller, ohne an Intimität zu verlieren.
Das Album heißt „Changing Perspectives“ – und genau das tut es. Mit jedem Stück verschiebt sich die Perspektive, mal geht es um Natur, mal um Abschied, mal um das Gefühl der Zugehörigkeit („Where We Belong“). Der letzte Track heißt „Nachsinnen“ – und das ist vielleicht das treffendste Wort für dieses Album: Musik zum Nachsinnen. Keine Musik für nebenbei, keine Musik zum Aufräumen oder Autofahren. Musik, die einen zwingt innezuhalten und zuzuhören. Selten genug.

