Das New York-Jazz-Musical des Jahres
Ich wollte diesen Text nicht schreiben. Zumindest nicht jetzt, wo alle auf retro machen und „Vintage“ das neue Schwarz ist. Aber dann höre ich „West of Broadway“ von Rachael & Vilray und verdammt – wie geil ist das denn? Produziert von Dan Knobler entfaltet sich „West of Broadway“ in scharf gezeichneten Vignetten, inspiriert von klassischen Musicals. Das Brooklyn-Duo um Sängerin Rachael Price (bekannt von Lake Street Dive) und Gitarrist/Songwriter Vilray Bolles hat sich diesmal Jazz-Größen wie Saxophonist Steve Wilson, Vibraphonist Warren Wolf und Klarinettist Jay Pattman ins Boot geholt. Das Ergebnis? Pure Magie. Der Opener „Forever Never Lasts Very Long“ ist ein Dialog über das F-Wort – Forever –, das beide für völlig überbewertet halten. „We kissed and drifted off last night/Now there’s no sign of Jim?/And in his place a tortoise…is it him“ singt Rachael in „Is It Jim?“ und macht aus griechischer Mythologie und Liebeskummer einen verdammt witzigen Cocktail. Warren Wolf bringt unglaublichen Spaß in die Stimmung, deb Jay Pattmans Klarinette immer äußerst feinsinnig aufnimmt. Aber der absolute Knaller? Stephen Colbert als Gaststar in „Off Broadway“ – „Awful Broadway/The slobs applaud/a mediocre melody at best“ singt er über Wolf’s Piano und Pattmans spiralförmige Klarinette. Es gibt viel joie de vivre auf dem Album und Grund zum Lächeln über den Witz der Texte – vorausgesetzt, ihr steht auf intelligente Lyrik statt einsilbigen Nonsens. Das ist Jazz für Theaterfans, Broadway für Jazzheads, New York in Reinkultur. Ein präzise gefertigtes Album voller Humor, Klasse und purem Vergnügen.

