Die Geburt der Punk-Poesie
Es gibt Alben, die die Popmusik in ein Davor und ein Danach teilen. „Horses“ von Patti Smith ist so ein Album. Im November 1975 erschienen, stand diese Platte am Scheideweg zwischen der erschöpften Bombastik des Stadion-Rocks und der rohen, ungezügelten Energie, die wenig später als Punk die Welt erobern sollte. Patricia Lee Smith wurde 1946 in Chicago geboren und wuchs in New Jersey auf – eine selbsterklärte Außenseiterin, die schon früh von Arthur Rimbaud, William Blake und den französischen Symbolisten besessen war. In den späten Sechzigern zog sie nach New York, arbeitete in Buchläden, schrieb Gedichte und verkehrte in den Kreisen des Chelsea Hotels, wo sie unter anderem Robert Mapplethorpe traf, der später das ikonische Cover-Foto für „Horses“ schoss. Smith begann, ihre Gedichte mit musikalischer Begleitung vorzutragen – zunächst mit dem Gitarristen Lenny Kaye, später mit der kompletten Patti Smith Group. Ihre frühen Auftritte im legendären CBGB Club waren eine Mischung aus Beat-Poetry-Reading und Rock’n’Roll-Show, eine explosive Kombination, die es so noch nie gegeben hatte.
Produziert wurde „Horses“ von John Cale, dem ehemaligen Velvet-Underground-Mitglied, der genau die richtige Mischung aus Kunstverstand und Rock-Attitüde mitbrachte. Die Aufnahmen im Electric Lady Studio waren geprägt von kreativer Spannung: Smith wollte die rohe, unmittelbare Energie ihrer Live-Shows einfangen, während Cale auf Struktur und Klarheit drängte. Diese produktive Reibung führte zu einem Sound, der gleichzeitig roh und raffiniert ist – die Arrangements sind bewusst reduziert, fast minimalistisch, doch jedes Element sitzt präzise. Die Band – neben Smith und Kaye auch Ivan Kral (Bass), Jay Dee Daugherty (Drums) und Richard Sohl (Piano) – hatte sich in monatelangen Auftritten zu einer verschworenen Einheit entwickelt, die intuitiv auf Smiths impulsiven Vortrag reagieren konnte.
Das Album beginnt mit einem Statement: „Jesus died for somebody’s sins but not mine“ – der erste Satz von „Gloria“, einer radikalen Neuinterpretation des Them-Klassikers. Smith nimmt Van Morrisons Garage-Rock-Hymne und verwandelt sie in eine blasphemische Liebeserklärung, die religiöse Ikonografie mit sexueller Begierde verschmilzt. Die Art, wie sie die bekannte Melodie zerlegt, neu zusammensetzt und mit ihrem gesprochenen Intro konfrontiert, ist exemplarisch für das gesamte Album: Tradition wird nicht abgelehnt, sondern angeeignet, neu erfunden. „Redondo Beach“ erzählt in leichtfüßigem Reggae-Rhythmus die tragische Geschichte einer Frau, die ihre Geliebte am Strand von Redondo Beach verliert – eine der ersten explizit queeren Narrationen im Rock. Dass Smith diese traurige Geschichte in so fröhlicher musikalischer Verpackung präsentiert, zeigt ihren Instinkt für produktive Dissonanz.
„Birdland“ ist das ambitionierteste Stück des Albums: eine neunminütige Erzählung über einen Jungen, der glaubt, sein verstorbener Vater kehre in einem UFO zurück. Der Text basiert auf Peter Reichs Memoiren über seinen Vater Wilhelm Reich, den umstrittenen Psychoanalytiker. Musikalisch bewegt sich der Song in hypnotischen, repetitiven Strukturen, über denen Smith ihre Worte in einem stream-of-consciousness vorträgt, der an allen Konventionen von Songwriting vorbeischrammt. Es ist Rock als Trance, als Séance, als literarisches Experiment. „Free Money“ ist dagegen fast ein konventioneller Song – ein Traum von Reichtum und Freiheit, getragen von Sohs eindringlichem Piano. Hier zeigt Smith, dass sie durchaus in der Lage ist, eingängige Melodien zu schreiben, wenn sie will.
„Kimberly“ entstand als Reaktion auf Smiths Schwester, die während eines Gewitters ihr erstes Kind gebar – eine zarte, fast hymnische Ballade über Geburt, Sturm und Transformation. Die wiegenden Rhythmen und das beruhigende Klavier schaffen eine kurze Atempause im ansonsten intensiven Album.
„Break It Up“ überzeugt gemeinsam mit Tom Verlaine (Television) als drängende Rocknummer über Befreiung und Aufbruch. Die Gitarren von Kaye und Kral schaffen einen dichten, webenden Sound. Pur New York und CBGB. „Land“ ist das epische Zentrum des Albums: eine dreiteilige Suite, die mit „Horses“, einer Vergewaltigung in einer Schultoilette, beginnt, dann in „Land of a Thousand Dances“ übergeht und schließlich in „La Mer (de)“ mündet – eine wilde, halluzinatorische Reise durch Sex, Gewalt, Ekstase und Tod. Smith singt, spricht, schreit, flüstert – ihre Stimme wird zum Instrument, das alle Register zieht. Die Band baut einen repetitiven, fast rituellen Groove auf, über dem sich Smiths Worte wie ein Fieberwahn entfalten. Es ist Rock als Beschwörung, als schamanische Praxis. Und dann: „Elegie“, eine sanfte, melancholische Meditation über Vergänglichkeit und Erinnerung. Nach all der Intensität, der Wut, der Ekstase eine ruhige Koda – ein Moment der Stille, bevor sich der Tonarm hebt.
„Horses“ entstand in einer Zeit des musikalischen Umbruchs. Der Progressive Rock hatte sich in Selbstgefälligkeit verloren, der Glam Rock war kommerziell vereinnahmt worden, der Singer-Songwriter-Boom hatte sich – vorerst – ein wenig totgelaufen. In New York formierte sich zeitgleich eine neue Szene: Television, Ramones, Blondie, Talking Heads – Bands, die zurück zu den Wurzeln wollten, zu Garage Rock, zu Einfachheit, zu Energie. Doch während die Ramones auf radikale Reduktion setzten und die Talking Heads den Kunstschul-Intellektualismus pflegten, ging Smith einen anderen Weg: Sie verband die rohe Unmittelbarkeit des Punk mit der literarischen Ambition der Beat Generation. Ihre musikalischen Referenzen sind vielfältig: Der Detroit-Sound von MC5 und The Stooges, der minimalistische Avant-Rock der Velvet Underground, der ekstatische Gospel von Aretha Franklin, der mystische Jazz von John Coltrane, der poetische Folk von Bob Dylan. Doch „Horses“ klingt nach keinem dieser Einflüsse – es klingt nach etwas völlig Neuem, nach einer Musik, die es so noch nicht gegeben hatte.
Deshalb kann der Einfluss von „Horses“ kaum überschätzt werden. Das Album öffnete die Tür für unzählige Künstlerinnen, die danach kamen: Siouxsie Sioux, Chrissie Hynde, Kim Gordon, PJ Harvey, Cat Power, St. Vincent – sie alle verdanken Smith etwas. Aber auch männliche Künstler wie Michael Stipe, Jeff Buckley oder Nick Cave haben offen über den Einfluss von „Horses“ gesprochen. Das Album bewies, dass Rock intellektuell sein konnte, ohne prätentiös zu sein, dass Poesie und Punk keine Gegensätze waren, und natürlich dass eine Frau mit ihrer Stimme genauso kraftvoll, wütend und revolutionär sein konnte wie jeder Mann.
2025, fünfzig Jahre nach seiner Veröffentlichung, steht „Horses“ immer noch wie es ist ein Manifest, eine Offenbarung, ein Versprechen: unvermindert radikal, unvermindert relevant. Die Fragen, die Patti Smith damals stellte – über Identität, über Freiheit, über die Macht der Kunst, die Welt zu verändern – sind aktueller denn je. Und die Art, wie sie diese Fragen stellte, mit einer Mischung aus Wut, Zärtlichkeit, Humor und spiritueller Sehnsucht, ist bis heute unerreicht. Es ist der Beweis, dass Musik immer noch überraschen und provozieren kann. Fast ein halbes Jahrhundert nach seiner Veröffentlichung verliert es nichts von seiner Kraft, seiner Schönheit, seiner Gefährlichkeit. Wer es noch nicht kennt, sollte es hören. Wer es kennt, sollte es wieder hören. Denn „Horses“ ist eines jener seltenen Werke, die bei jedem Hören neue Schichten offenbaren, neue Bedeutungen entfalten, neue Fragen aufwerfen. Es ist ein Album für die Ewigkeit – und für jetzt.

