Wenn die Bluegrass-Königin die Perücke ablegt
Es gibt Momente im Leben einer Musikerin, in denen sie sich entscheiden muss: Weitermachen wie bisher oder das Risiko eingehen, sich neu zu erfinden. Molly Tuttle, die erste Frau überhaupt, die mit 24 Jahren den International Bluegrass Music Award als „Guitar Player of the Year“ gewann, hat sich entschieden. Mit „So Long Little Miss Sunshine“ verabschiedet sie sich von der braven Miss Sunshine, die es allen recht machen wollte – und wagt den Sprung in ein Terrain zwischen Pop, Country und Rock, ohne dabei ihre Wurzeln komplett zu kappen. Und ja, das werden nicht alle gut finden. Aber genau darum geht es. Nach zwei Grammy-prämierten Bluegrass-Alben mit ihrer Band Golden Highway hätte Tuttle einfach weitermachen können wie bisher. Stattdessen ging sie ohne Band ins Studio zu Produzent Jay Joyce, der für seine hochglanzpolierten, manchmal etwas überproduzierten Sounds bekannt ist. Das Ergebnis sind zwölf Songs, die sich irgendwo zwischen Taylor Swift und Fleetwood Mac ansiedeln – mit Tuttles virtuosem Gitarrenspiel als verbindendem Element. Der Eröffnungstrack „Everything Burns“ ist noch klassische Tuttle: ein wütender, finger-pickender Anti-Trump-Song, der zeigt, dass sie ihr Handwerk nicht verlernt hat. Doch schon bei „That’s Gonna Leave a Mark“, der ersten Single, wird klar, wohin die Reise geht: Pop-Country mit Hammond-Orgel, Händeklatschen und einem derart eingängigen Refrain, dass man ihn tagelang nicht mehr loswird. „Rosalee“ erzählt eine Murder Ballad à la Bobbie Gentry, „Old Me (New Wig)“ ist ein zippy Folk-Rock’n’Roller, der Tuttles Alopecia thematisiert – eine Autoimmunerkrankung, mit der sie seit ihrem dritten Lebensjahr lebt und für die sie als Sprecherin der National Alopecia Areata Foundation Aufklärung betreibt. Und dann wäre da noch die überraschende Coverversion von Icona Pops „I Love It“, die Tuttle in eine sehnsüchtige Ballade verwandelt. Klar, traditionalistische Bluegrass-Fans werden hier die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber mal ehrlich: Bluegrass ist oft genug die Musik, die traditionell stehen bleiben will, die sich vor Veränderung scheut. Dass die junge Riege – und Molly Tuttle ist da längst nicht allein – das nicht mehr mitmacht, ist verdammt gut so. Musik muss sich entwickeln dürfen, muss atmen, muss experimentieren. Und Tuttle macht das mit einer Selbstverständlichkeit und musikalischen Intelligenz, die beeindruckt. Ihr Gitarrenspiel ist präsenter denn je, zum ersten Mal spielt sie auch Banjo auf zwei Tracks, und ihre Stimme klingt souveräner als je zuvor. Viele Songs entstanden gemeinsam mit ihrem Partner Ketch Secor von Old Crow Medicine Show, der auch als Gastsänger zu hören ist. „So Long Little Miss Sunshine“ ist ein Album über Selbstfindung, über das Abschiednehmen von Erwartungen, über das Recht, sich zu verändern. Molly Tuttle hat mit 32 Jahren musikalisch mehr erreicht als viele in ihrem ganzen Leben. Und jetzt macht sie genau das, was sie will. Das ist mutig, das ist ehrlich, und das ist verdammt hörenswert.

