Wenn Kubanische Romantik auf modernen Jazz trifft: Melissa Aldanas stilles Meisterwerk
Die in Chile geborene Tenorsaxofonistin Melissa Aldanaund hat sich für ihr drittes Blue-Note-Album etwas Ungewöhnliches vorgenommen: ein Balladenprojekt, das tief in der kubanischen Filin-Tradition wurzelt, einer weitgehend unbekannten Welt romantischer Lieder aus den späten 1940er bis frühen 1960er Jahren. Der Name sagt alles – Filin, abgeleitet von „Feeling“.
Der entscheidende Impuls kam von Gonzalo Rubalcaba, dem legendären kubanischen Pianisten und einem von Aldanas erklärten Helden: Er schlug vor, die Musik seiner Heimat zu interpretieren – und trifft damit einen Nerv, den man so vielleicht nicht erwartet hätte. Denn diese Musik klingt gleichzeitig vertraut und völlig neu. Aldana selbst beschreibt es so: „Die Texte sind auf Spanisch, also konnte ich mich mit diesen Songs verbinden auf eine Art, die ich nie für möglich gehalten hätte.“ Was das Quartett – Rubalcaba am Klavier, Peter Washington am Bass, Kush Abadey am Schlagzeug – hier entfaltet, ist eine Art geduldige Intensität. Kein Overstatement, keine Virtuosität um der Virtuosität willen. Aldanas Saxofon bewegt sich wie ein Gesprächspartner, der weiß, wann er schweigen soll. Das Eröffnungsstück „La Sentencia“ macht das vom ersten Takt an klar: hier wird nicht gespielt, hier wird erzählt. „No Te Empeñes Más“ mit Gastsängerin Cécile McLorin Salvant ist ein Highlight – zwei Ausnahmekünstlerinnen, die sich gegenseitig Raum lassen, ohne dabei zurückzutreten. Das abschließende „No Pidas Imposibles“ bringt schließlich so etwas wie kubanischen Puls in die ansonsten schwebende Ruhe dieses Albums. „Filin“ ist kein Album für alle Momente. Aber für die richtigen Momente ist es schlicht unersetzlich.

