Die Country-Rock-Ikone liefert ihr wütendstes Album seit Jahren
Lucinda Williams ist zornig und das ist auch gut so. Nach Alben mit Covers und Neuinterpretationen meldet sich die 71-Jährige mit einem Album voller eigener Songs zurück – und die haben es in sich. „World’s Gone Wrong“ ist ein wütendes, verzweifeltes, aber auch trotziges Statement einer Künstlerin, die sich von einem Schlaganfall im Jahr 2020 nicht mundtot machen lässt. Ihr Gesang hat sich verändert, ja, er klingt rauer, manchmal brüchiger als früher. Doch gerade bei diesen selbst geschriebenen Songs entfaltet er eine Kraft und Dringlichkeit, die man auf den jüngeren Cover-Alben vermisst hat.
Die Wut auf „World’s Gone Wrong“ richtet sich gegen so ziemlich alles, was in unserer Zeit schiefläuft: politische Heuchelei, gesellschaftliche Spaltung, Ungerechtigkeit. Der titelgebende Opener – ein Duett mit Brittney Spencer – setzt den Ton: Williams singt mit ihrer körnigen Stimme gegen das Chaos unserer Zeit an, nicht resigniert, sondern mit der Haltung einer Kämpferin, die zu viel gesehen hat, um noch aufzugeben. „How Much Did You Get For Your Soul“ rechnet mit Ausverkäufern ab, während „Low Life“ in bester Williams-Manier über gescheiterte Beziehungen und dubiose Typen herzieht. Besonders eindrücklich wird es, wenn Mavis Staples in „So Much Trouble In The World“ ihre Gospel-gesättigte Stimme beisteuert – zwei Legenden, die gemeinsam Zeugnis ablegen.
Musikalisch bewegt sich das Album in vertrautem Lucinda-Williams-Terrain: erdiger Rock, Country-Einschläge, Blues-Anleihen. Ihre langjährigen Mitstreiter schaffen einen warmen, organischen Sound, der Williams‘ Stimme Raum gibt, ohne sie zu bemitleiden. Das Album klingt live, direkt, ungefiltert – so als hätte die Band diese Songs in einem Rutsch eingespielt und jede Narbe, jede Unregelmäßigkeit bewusst stehengelassen. Mit Norah Jones am Schluss in „We’ve Come Too Far To Turn Around“ endet das Album versöhnlich, aber ohne falsche Hoffnungen: Wir sind zu weit gegangen, um jetzt umzukehren – also müssen wir weitermachen.
„World’s Gone Wrong“ ist kein perfektes Album, und es will das auch nicht sein. Es ist das Album einer Frau, die weiß, dass die Zeit knapp wird, und die deshalb ausspricht, was gesagt werden muss. Manchmal klingt das wütend, manchmal erschöpft, aber immer wahrhaftig. Lucinda Williams hat nach ihrem Schlaganfall nicht nur ihre Stimme zurückerobert – sie hat ihr auch eine neue Bedeutung gegeben.

