Leben im schönsten Chaos
Es gibt Alben, die man nicht hören, sondern erleben muss. „La Vie Est Belle“, das sechste Studioalbum der Pariser Band Les Yeux d’la Tête, ist so eines. Man betritt ihre Musik wie einen überfüllten Bistro an einem Samstagabend – es riecht nach Wein und Zigarettenrauch, es wird gelacht und geweint, Geschichten werden erzählt und Herzen gebrochen, und mittendrin scheppert eine Band, die verstanden hat, dass das Leben nie nur schön oder nur furchtbar ist, sondern immer beides zugleich. Fast zwanzig Jahre nach ihrer Gründung haben sich die sechs Musiker nichts von ihrer Spielfreude nehmen lassen, im Gegenteil: Mit jedem Album wird klarer, wofür sie stehen. Swing Manouche trifft auf Worldmusic-Einflüsse, akustische Gitarren prallen auf rockige Rhythmen, Blechbläser setzen farbige Akzente, und über allem schwebt diese wunderbar kratzige Stimme, die sich an jedem Wort festkrallt, als ginge es ums Überleben. Die vierzehn Songs auf „La Vie Est Belle“ sind alles andere als naive Schönfärberei. Ja, der Titel klingt optimistisch, aber die Band meint es ernst mit dem Leben in all seinen Widersprüchen. „Non c’est non“ thematisiert Zustimmung und Grenzen, „J’aime pas les gens“ zeichnet die Schwierigkeiten sozialer Beziehungen nach, „Quand tu ouvriras les yeux“ wird persönlich und reflektiert über Vaterschaft und Zukunft. Zwischen hoffnungsvollen Aufrufen wie „Carpe diem“ und „Ça ira mieux demain“ blitzt immer wieder eine gesunde Portion Melancholie durch, doch niemals Resignation. Les Yeux d’la Tête predigen keine absolute Wahrheit, sie behaupten mit frecher Selbstverständlichkeit, dass Chaos, Liebe, Party und Schwermut keine Gegensätze sind, sondern das wahre Gesicht der Welt. Und dass die Liebe – zu anderen, zu sich selbst – vielleicht die einzige Kraft ist, die uns durch die Krisen trägt. Das klingt in ihren Händen nie kitschig, weil diese Band das Chaos nicht scheut. Ihre Refrains schwanken zwischen Pariser Straßenpoesie und Kneipengröle, ihre Melodien zwischen Tanz und Träne. Was dieses Album besonders macht, ist seine rohe Ehrlichkeit. Les Yeux d’la Tête haben über tausend Konzerte gespielt, in Deutschland sind sie längst zu Helden der Liveszene geworden, und man hört jedem Takt an, dass diese Musik auf der Bühne geboren wurde. Sie lebt vom Moment, vom Schweiß, von der Energie eines ausverkauften Clubs. Auf „La Vie Est Belle“ findet diese Energie ihren Weg ins Studio, ohne dabei an Kraft zu verlieren. Das Leben ist schön, singen sie, nicht weil es perfekt ist, sondern weil es überläuft, weil es zittert, weil es mitten im Lärm lacht. Wer sich auf diese Musik einlässt, öffnet sich für das ganze, wilde, wunderbare Durcheinander des Lebens. Und das ist am Ende doch das Schönste, was Musik leisten kann.

