Der Folk-Troubadour greift zur E-Gitarre – und es klingt verdammt gut
Ich bin ehrlich: Als ich hörte, dass Langhorne Slim sich für sein neuntes Album mit Sam Kiszka von Greta Van Fleet zusammengetan hat, war ich skeptisch. Der eine bekannt für introspektive Folk-Americana, der andere für bombastischen Siebziger-Jahre-Rock – wie soll das zusammenpassen? Doch nach den ersten Takten von „Rock N Roll“, dem Opener des Albums, ist klar: Das funktioniert nicht nur, das ist verdammt gut. Mit stampfenden Powerchords macht Slim unmissverständlich klar, dass er die akustische Gitarre nicht gegen die elektrische getauscht, sondern sein musikalisches Spektrum erweitert hat. „The Dreamin‘ Kind“ wurde über ein ganzes Jahr hinweg eingespielt, zwischen Tour-Verpflichtungen und Familienzeit, und man hört diesem Album an, dass hier niemand Zeitdruck hatte. Songs wie „Loyalty“ oder „On Fire“ – letzteres mit einer wunderbaren Intro-Ansage von „Grandma May“ – zeigen Slim auf dem Höhepunkt seiner Kunst: Seine raue, ausdrucksstarke Stimme trägt Texte über hart erkämpftes Vertrauen und die nervöse Aufregung frischer Verliebtheit, während die Band mit Gitarren, Keyboards und Danny Wagner am Schlagzeug einen Sound erschafft, der zwischen Tom Petty und The Clash changiert. Das Bemerkenswerte: Slim verliert bei all dem elektrischen Druck nie seinen introspektiven Kern. „Dream Come True“ kombiniert akustische Gitarre mit Akkordeon und Banjo zu einer Hymne über Träume, die man nicht aufgeben darf, während „Stealin‘ Time“ mit nackter Verletzlichkeit fragt: „How does a heart open / And then close again?“ Die Produktion von Kiszka ist dabei warm und klar zugleich – vintage ohne retro zu wirken, kraftvoll ohne überproduziert zu sein. Besonders stark sind die Momente, in denen Slim die Balance zwischen Lautstärke und Intimität findet: „Rickety Ol‘ Bridge“ ist düsterer Country Noir, „Lord“ klingt wie Sam Cooke trifft auf Country, und das abschließende „Engine 99“ startet langsam, um dann mit einem zugartigen Schlagzeug-Beat in einen jubelnden Chor zu münden – könnte so gut und gerne auf dem kommenden Mumford & Sons-Album sein. Nach zwei Jahrzehnten als verlässliche Größe im Americana-Bereich hat Langhorne Slim mit „The Dreamin‘ Kind“ bewiesen, dass Wachstum nicht Verrat an den Wurzeln bedeutet, sondern deren natürliche Fortsetzung.

