Wenn vier Könner einfach mal miteinander reden
Julian Lage tritt einen Schritt zurück. Nicht im Sinne von „ich kann nicht mehr“, sondern im Sinne von „lass uns zusammen Musik machen, statt dass ich hier den großen Gitarren-Helden gebe“. Und genau das macht „Scenes From Above“ zu etwas Besonderem. Die Besetzung ist ein Traum: Organist John Medeski, sein langjähriger Bassist Jorge Roeder und Drummer Kenny Wollesen. Auf sechs der neun Tracks kommt noch Patrick Warren dazu mit allem, was klingt – Piano, Bells, Dulcitone. Joe Henry hat wieder produziert, und der Mann weiß einfach, wie man diesen Sound einfängt. Die Entstehungsgeschichte ist fast schon verrückt: Lage hat sich hingesetzt, 20-Minuten-Timer gestellt, Song geschrieben, einmal aufgenommen, nächster Song. Material zum „Darüber Reden“. „Mein Traum beim Komponieren ist es wirklich, etwas zu haben, worüber wir reden können“, sagt er. Und genau so klingt das Album – wie ein musikalisches Gespräch unter Freunden. Das Album ist seinem Vater Mario gewidmet und atmet diesen klassischen Gitarre-Orgel-Sound der großen Blue Note-Jahre. Der Opener „Opal“ ist einfach wunderschön – Lages Gitarre entfaltet sich geduldig, während Medeskis Orgel schimmert und glüht. Wollesen und Roeder legen einen Groove hin, der gleichzeitig gemütlich und präzise ist. „Night Shade“ ist mit sieben Minuten das Herzstück – gospel-goldene Orgelläufe von Medeski, brillante Blues-Soli von Lage. Ansonsten: Zuhören und Spielen. Keine Ego-Trips, kein „guck mal, wie krass ich bin“. „Talking Drum“ kommt dem klassischen Soul-Jazz-Sound am nächsten – funky, bluesy, Medeski erkundet sein Keyboard, während Lage klug seine Noten wählt. Das ist kein Album für explosive Soli und wilde Jams. Das ist ein Album über Zurückhaltung, über den Raum zwischen den Noten, über Musiker, die einander wirklich zuhören wollen. Der Schlusssong „Something More“ fühlt sich an wie ein vierstimmiges Gebet – traurig und süß, eine gemeinsame Hoffnung auf bessere Tage. Medeski bringt es auf den Punkt: „Julian denkt wirklich über Dinge nach, hat viel Absicht. Aber es ist eine schöne Kombination aus Konzept und Richtung und davon, frei und im Moment zu sein.“ Ein feines Album von vier Musikern, die begriffen haben, dass manchmal die leisesten Gespräche die interessantesten sind und in Zeiten, wo alle ständig schreien müssen, ist das schon fast revolutionär.

