Mr. Jukebox feiert Western Swing
Manche Künstler*innen versuchen ein Leben lang, authentisch zu wirken, Joshua Hedley macht aus seiner vermeintlichen Unauthentizität den Kern seines dritten Albums – und wird gerade dadurch glaubwürdiger als die meisten. Der Titelsong bringt es auf den Punkt: „I ain’t milked a cow, I ain’t pushed a cart / But one thing’s for certain I look the part.“ Die Antwort darauf? „All hat, no cattle“ – und das ist völlig in Ordnung so. Denn was Joshua Hedley auf „All Hat“ liefert, ist keine gespielte Cowboy-Romantik, sondern purer, aufrichtiger Western Swing, produziert von niemand Geringerem als Ray Benson von Asleep at the Wheel, Hedleys Kindheitsheld. Nach seinem Countrypolitan-Debüt „Mr. Jukebox“ von 2018 und dem 90er-Jahre-Country-Ausflug „Neon Blue“ von 2022 macht der Fiddle-Spieler und Sänger nun den wohl mutigsten Schritt seiner Karriere: Elf Songs voller jazziger Twang-Rhythmen, aufgenommen in Bensons brandneuem Bismeaux Barn Studio in Austin, Texas. Und ja, das hier klingt nach 1940. Absichtlich. Denn Western Swing funktioniert einfach, wenn man ihn richtig macht. Und Hedley macht ihn richtig. Mit einem exzellenten Ensemble aus Asleep-at-the-Wheel-Veteranen, darunter Fiddle-Legende Jason Roberts, entfaltet sich auf „All Hat“ ein instrumentales Feuerwerk. Fiddle und Steel Guitar, klar, aber auch Klarinette, Akkordeon und Piano – all das tanzt hier miteinander, wechselt sich in den Leads ab und zeigt die ganze stilistische Bandbreite, die Western Swing haben kann: Walzer, Polka, Two-Step, Charleston, Blues. Die „Hedliner Polka“ verdeutlicht etwa die deutschen und tschechischen Einflüsse, die durch zentraltexanische Einwanderer in die Musik sickerten. Das war Musik für alle, gespielt mit den Instrumenten, die man hatte, zum Tanzen in Tanzhallen. „Fresh Hot Biscuits“, der erste Song, den Hedley veröffentlichte, entstand in der Nacht vor der Aufnahme – und sprudelt dennoch vor Energie und federnden Fiddle-Linien. Ein Song über handgemachte Kekse und augenzwinkernde Flirts („I got a gal over the hill, she won’t do it but her sister will“), der klingt, als würde die Band ihn seit Jahren spielen. Genau das macht dieses Album aus: Diese spontane Magie, diese Freude am gemeinsamen Musizieren. Ray Benson hielt sich als Produzent zurück, ließ die Musiker*innen laufen und vertraute dem Groove. Hedleys Stimme ist dabei warm und lässig, sein Fiddle-Spiel erstklassig. In „Stuck in Texas“, einem Duett mit Benson, schwingt Sehnsucht mit, während „Mean Mama Blues“ mit schmutziger Klarinette und Bensons witzigen Einwürfen glänzt. Und das Cover des 1950er-Songs „Boogie Woogie Tennessee“ zeigt, wie tief Hedley in den Archiven des Genres gegraben hat. Was hier jedoch am meisten beeindruckt: Hedleys Selbstbewusstsein. Er weiß, dass er kein Cowboy ist. Er weiß, dass das hier ein Period Piece ist, keine Innovation. Aber er weiß auch, dass Authentizität in der Country-Musik bedeutet, seinen eigenen Leidenschaften zu folgen – egal, woher man kommt. Joshua Hedley, geboren in Florida, aufgewachsen mit Bob Wills statt Videospielen, spielend in VFW-Hallen statt coolen Clubs, hat sein Leben lang für diesen Moment trainiert. „All Hat“ ist sein Meisterstück. Tanzmusik aus einer anderen Ära, die heute so unmittelbar und dringlich klingt wie damals. Nicht nachdenken, tanzen!

