Wenn weniger alles ist
Es gibt Alben, die man nebenbei hören kann, während man kocht, Auto fährt oder arbeitet. Und dann gibt es Alben wie „Baby Man“ von Fruit Bats. Eric D. Johnson, der Mann hinter dem Projekt und zudem Teil der gefeierten Folk-Supergroup Bonny Light Horseman, hat sich für sein elftes Fruit-Bats-Album auf das absolut Wesentliche reduziert: Stimme, Gitarre, Piano, ab und zu ein paar dezente Synth-Texturen. Keine Band, kein Groove, keine üppigen Arrangements. Nur Johnson, allein in einem Raum mit seinen Erinnerungen, seinen Zweifeln und zehn Songs, die so nah an die Knochen gehen, dass Leute in seinem Umfeld sich Sorgen um sein Wohlbefinden machten. Das ist kein Album für den Alltag. Das ist ein Album für bestimmte Momente – wenn man bereit ist, sich auf Johnsons Flüstern einzulassen und ihm in die dunkleren Ecken seines Lebens zu folgen. Was als geplante Zwischen-EP begann, wurde im Februar 2025 binnen einer Woche zu einem vollständigen Album. Johnson nennt den Ansatz „minimalistisch-maximalistisch“ – und genau das trifft es. Wo frühere Fruit-Bats-Alben mit satten Arrangements und fetten Basslines arbeiteten, zelebriert „Baby Man“ die Kraft der Leere. Die Pausen zwischen den Noten zählen hier genauso viel wie die gespielten Töne selbst. Der Opener „Let You People Down“ klingt, als würde jemand einen Big-Star-Song allein in einem kleinen Zimmer mit nackter Glühbirne spielen – zerbrechlich, verzweifelt und doch entschlossen, die Welt nicht auszusperren. Mit „First Girl I Loved“, einem Cover des Incredible String Band von 1967, fügt Johnson eine fremde Stimme ins Album, die sich aber nahtlos einfügt – eine zittriger Piano-Ballade über die zentrale Eigenheit des Älterwerdens. Man kann dieses Album zu eintönig finden, zu sehr „Mann am Piano“. Johnson ist nun mal kein Elton John, und die Songs bluten manchmal ineinander. Aber genau das ist auch die ist eine Momentaufnahme, ein Tagebuch, kein Greatest-Hits-Paket. Man muss in der richtigen Stimmung sein – vielleicht auf einer Veranda-Schaukel, vielleicht spät abends mit einem Glas Wein. Dann aber entfaltet dieses Album eine Kraft, die größere, lautere Produktionen nie erreichen könnten. Johnson selbst sagt, das nächste Fruit-Bats-Album wird ein „mitreißender Pop-Kracher“. Aber vorher musste er das hier machen. Klingt nach seinem “Nebraska”-Moment, wir können froh sein, dass er es getan hat.

