Als die Freundschaft zur Musik wurde
Manchmal sind es die persönlichsten Alben, die am längsten nachhallen. 1975, auf dem ersten Höhepunkt seines Ruhms, wagte Elton John etwas Ungewöhnliches: Statt nach “Don’t Shoot Me I’m Only the Piano Player” und “Goodbye Yellow Brick Road” die nächste Hit-Single-Sammlung zu produzieren, machte er mit Bernie Taupin eine musikalische Zeitreise in ihre hungrigen Anfangsjahre. Das Ergebnis war das erste Album der Popgeschichte, das direkt auf Platz 1 der Billboard-Charts einstieg – und zugleich eines der introvertiertesten und am wenigsten kommerziellen Werke seiner Karriere. Die jetzt erschienene 50th Anniversary Edition erinnert daran, warum dieses scheinbare Paradox funktionierte: Weil echte Geschichten – ehrlich erzählt – zeitlos sind.
Die Entstehungsgeschichte allein ist ein kleiner Mythos: Auf der SS France, damals dem längsten Passagierschiff der Welt, komponierte Elton während einer Woche auf hoher See zwischen Europa und Amerika im bordeigenen Musiksalon die Melodien zu Taupins bereits geschriebenen Texten – ohne Aufnahmegerät, er behielt alles im Kopf. Und dann, in der Caribou Ranch in Colorado, nahm die Band das Album mehr oder weniger live auf. Produzent Gus Dudgeon schwärmte später, dies sei das Beste gewesen, was Elton und die Band je aufgenommen hätten.
Was dieses Album so besonders macht, ist seine unprätentiöse Intimität. Wo andere Rockstars 1975 ihre Exzesse zelebrierten (zur kleinen Erinnerung es ist das Jahr von “Wish You Were Here”, “A Night at the Opera”, “Physical Graffiti undundund), erzählten John und Taupin von Selbstzweifeln, engen Londoner Kellerwohnungen und dem verzweifelten Versuch, einen Plattenvertrag zu ergattern. Der Titelsong malt ein Bild der frühen Tage: Elton als Captain Fantastic, der Klavierträumer aus der Vorstadt, Bernie als Brown Dirt Cowboy, das Texte schreibende Landei aus Lincolnshire. Akustische Gitarren, warme Americana-Klänge, eine Geschichte von zwei jungen Männern, die einander gefunden haben und nun gemeinsam dem großen Durchbruch hinterherlaufen.
Musikalisch war das Album 1975 eine kleine Sensation, weil es sich Zeit nahm. Keine schnellen Radio-Singles, sondern Songs, die sich entwickeln, die atmen, die beim mehrmaligen Hören immer mehr Schichten offenbaren. “Tower of Babel” brilliert mit dynamischen Wechseln und Davey Johnstones Gitarrenspiel – überhaupt ist das Album Johnstones Sternstunde, hier rücken erstmals die Saiteninstrumente ins Zentrum eines Elton-John-Albums. “Tell Me When The Whistle Blows” bekommt durch Gene Pages Arrangement eine orchestrale Opulenz, während das sechsminütige “Someone Saved My Life Tonight” eine halb autobiografische Geschichte über Elton Johns beinahe-Verlobung mit Linda Woodrow und einen verhinderten Selbstmordversuch erzählt. Long John Baldry rettete ihn damals vor dieser Ehe, die seine Karriere hätte beenden können. Rückblickend eine der mutigsten Offenbarungen in einem Popsong der 1970er.
Das Album war damals nicht unumstritten, einige Kritiker*innen warfen John und Taupin Selbstgefälligkeit vor – ein autobiografisches Konzeptalbum auf dem Karrierehöhepunkt? Heute gilt “Captain Fantastic…” als eines der ganz großen Alben der 70er, authentisch und emotional, ohne kitschig zu werden – auch wenn es natürlich immer wieder in Richtung Kitsch schielt. Es ist immer noch Elton John 😉
Die 50th Anniversary Edition, die jetzt erscheint, macht vieles richtig: Sie erweitert, ohne zu überfrachten. Die sechs bislang unveröffentlichten Session-Demos sind faszinierende Dokumente des kreativen Prozesses. Man hört Elton in einem frühen Take von “Bitter Fingers”, wie er sich selbst unterbricht: „Nearly got it“. Diese Unmittelbarkeit, dieses Arbeiten am Song, ist ein Geschenk für alle, die wissen wollen, wie Magie entsteht. “Captain Fantastic” Take 1 und Take 2 zeigen, wie sich Arrangements langsam formen, wie aus guten Ideen großartige Songs werden. Die Live-Aufnahmen vom 2005er „Captain Fantastic“-Jubiläumskonzert sind eine schöne Ergänzung: Elton John, drei Jahrzehnte älter, singt diese Songs mit der Stimme eines Mannes, der die Geschichte inzwischen von beiden Seiten kennt – die des hungrigen Anfängers und die des etablierten Superstars. Schön ist das 28-seitige Booklet mit Elton Johns nie zuvor gesehenen Tagebucheinträgen aus dem Jahr 1974: Hier schreibt jemand, der noch nicht weiß, dass er gerade Musikgeschichte schreibt – sondern nur hofft, dass dieses nächste Album vielleicht, hoffentlich, gut ankommen wird. Natürlich bleibt das alles Fanstoff, wer dieses Album einfach (neu) entdecken will, dem reicht wahrscheinlich das Original.
Was bleibt nach 50 Jahren? Ein Album über Freundschaft, über die bedingungslose, kreative Partnerschaft zweier Menschen. Elton John sagte einmal, “Captain Fantastic…” sei vielleicht sein feinstes Album, weil es in keinerlei Hinsicht kommerziell gedacht war. Dass es trotzdem – oder genau deswegen – ein Riesenerfolg wurde, sagt viel über die Kraft ehrlicher Geschichten aus. Bernie Taupins wunderbar evokative Texte, Johns schmerzlich schöne Melodien, eine Band auf dem absoluten Höhepunkt ihres Könnens, Gus Dudgeons einfühlsame Produktion – all das fügt sich zu einem Werk, das oppulent UND leise ist. Die Geschichte von “Captain Fantastic und dem Brown Dirt Cowboy” – zwei Träumer, die sich gefunden haben und gemeinsam die Popwelt eroberten.

