Jazz trifft auf Elliott Smith
Stilgrenzen? Kennt Brad Mehldau nicht. Hat er noch nie gekannt. Und jetzt widmet einer der wichtigsten Jazz-Pianisten der Gegenwart dem tragisch früh verstorbenen Singer-Songwriter Elliott Smith ein ganzes Album. Mehldau taucht tief ein in die melancholische Welt von Smith, der 2003 mit nur 34 Jahren aus dem Leben schied. Zehn Smith-Songs, dazu vier eigene Kompositionen, Big Stars „Thirteen“ (das auch Smith coverte) und Nick Drakes „Sunday“ – insgesamt 73 Minuten pure Emotion. Die Geschichte dahinter berührt: Als Mehldau Ende der 90er von New York nach L.A. zog, begegnete er Smith im legendären Club Largo. „Es fühlte sich an wie eine kleine Renaissance des Songwritings“, erinnert sich Mehldau. Was Mehldau hier schafft, ist ein beeindruckendes Kunststück: Er legt den melancholischen Kern dieser wunderschönen Melodien frei, spielt sie aber nicht einfach respektvoll nach. Nein, er erweitert sie mit Improvisationen, lässt sie atmen, gibt ihnen neuen Raum. Und Chris Thile als Ergänzung an Mandoline und Gesang? Perfekte Wahl! Dazu Daniel Rossen von Grizzly Bear, der grandiose Matt Chamberlain am Schlagzeug und ein Kammerorchester unter Dan Coleman. Die Besetzungen wechseln ständig: Mal spielt Mehldau solo am Piano – hinreißend in „Sweet Adeline“ und der darauf folgenden „Fantasy“ –, mal mit Trio, mal mit vollem Orchester. In „Tomorrow Tomorrow“ driftet die Nummer plötzlich in Richtung Fusion, nur um wieder ins Singer-Songwriter-Gefilde zurückzukehren. „Between The Bars“ verzaubert durch Felix Moseholms gefühlvolles Bass-Solo, während „Satellite“ mit reduziertem Piano und Percussion tief unter die Haut geht. Mehldau beschreibt Smith als jemanden, der das Wechselspiel aus Licht und Schatten meisterhaft beherrschte. „Er kombinierte Dur- und Mollklänge auf seine Art“, erklärt der Pianist. „Für mich schwingen da auch Schubert oder Brahms mit.“ Diese Verbindung von Jazz, Klassik und Songwriter-Melancholie durchzieht das gesamte Album. Das Orchester mag manchmal üppig wirken, die Arrangements ambitioniert sein – aber genau das macht den Reiz aus. Mehldau ehrt Smith nicht nur, er führt dessen Musik weiter, schreibt das Jazz-Repertoire um ergreifende Songs fort. Der monumentale Abschluss „Ride Into The mit Sophie Shaos Cello-Solo fasst alles zusammen: eine wunderschöne, über neun Minuten dauernde Meditation über Trauer, Schönheit und Weiterleben. „Wenn ich Musik höre, habe ich manchmal das Gefühl, in Verbindung zu treten mit jemandem, der nicht mehr hier ist“, sagt Mehldau. Genau dieses Gefühl vermittelt das Album: ein mystisches, ewiges Weiterreiten in Richtung Licht, voller Emotion, Virtuosität und echtem Respekt vor großartiger Musik.

