Ein Album für späte Stunden, schweren Rotwein und Menschen, die wissen, was Crooning bedeutet
Es gibt diese Alben, die nach Mitternacht verlangen, nach gedimmtem Licht, nach einem guten Glas Rotwein – oder, wie es ein Kritiker formulierte, nach großartigem Bourbon und einer geliebten Person, die die Leidenschaft für Crooner mit bluesiger Färbung teilt. Boz Scaggs‘ „Detour“ ist so ein Album. Sieben Jahre hat der Grammy-Gewinner kein neues Studioalbum mehr veröffentlicht, und dann das: Eine Liebeserklärung an das Great American Songbook, aufgenommen mit Pianist Seth Asarnow über mehrere Jahre hinweg. Was als private Demos begann, als Scaggs seine vokalen Fähigkeiten erweitern wollte, entwickelte sich zu etwas Magischem. Die Arrangements waren zu gut, zu unwiderstehlich, um sie nicht mit der Welt zu teilen.
Elf Songs, allesamt zeitlose Standards – mit einer Ausnahme: „I’ll Be Long Gone“ von seinem allerersten Album von 1969, neu arrangiert auf vielfachen Wunsch seiner Fans. Scaggs‘ Stimme ist sein primäres Instrument, das sagte er schon immer. Und diese Stimme ist über die Jahre gereift wie edler Wein (Scaggs betrieb passender Weise eine Weile ein Weingut im Napa Valley). Sie hat nichts von ihrer Musikalität und Kontrolle verloren, ist aber nuancierter, tiefer geworden. Er webt Phrasen wie tropfenden Honig, bleibt dabei sehr sexy, sehr präsent. Der Opener „It’s Raining“ von Allen Toussaint ist ein kleines Meisterwerk – entspannt, jazzig, voller Soul. „Angel Eyes“ schleppt sich melancholisch durch die Nacht, „Once I Loved“ ist eine Bossa Nova, die Scaggs erst für dieses Album entdeckte. „The Meaning of the Blues“ von Bobby Troup klingt sinnlich und verführerisch und „Too Late Now“ trägt diese schmerzende Melancholie in sich, die man nur spät nachts wirklich versteht.
Die Begleitung ist dezent, perfekt abgestimmt: Seth Asarnow am Piano, Jason Lewis streichelt mit Besen sein Schlagzeug, ein sanfter, immer exakt platzierter Puls. Alles sehr geschmackvoll, jeder Song ein fein geschliffenes Schmuckstück. Manchmal fühlt sich das Album ein wenig einheitlich an, zugegeben, aber das ist auch seine Stärke: Es schafft eine Atmosphäre, in die man eintauchen kann. Spät in der Nacht, mit schwerem Rotwein und der Gewissheit, dass dieser Moment nur dir und der Musik gehört.

