Die algerischen Touareg erweitern ihr musikalisches Universum
Man läuft Gefahr zu denken: „Noch ein Wüstenblues-Album?“ Aber das wäre unfair. Denn Imarhan aus Tamanrasset im Süden Algeriens haben mit ihrem dritten Album „Essam“ längst den Sprung aus dieser Schublade geschafft. Natürlich sind die Wurzeln noch da – die hypnotischen Gitarrenlinien, die pentatonischen Melodien, die in Tamasheq gesungenen Texte über Migration, Exil und die Identität der Touareg. Doch wo andere Bands des Genres bei der elektrifizierten Tradition stehenbleiben, drehen Imarhan am Regler. Synthesizer wabern durch Songs wie „Achinkad“ und „Ehad Wad Nadorhan“, Drum Machines treiben den Rhythmus voran, psychedelische Effekte legen sich über die Gitarren wie Fata Morganas über die Sahara. Manchmal denkt man an Tame Impala, dann wieder an Unknown Mortal Orchestra – nur eben mit dem unverkennbaren Sound der Touareg-Musik im Kern. Das Album klingt zeitgenössisch, ohne seine Seele zu verlieren, experimentell, ohne sich zu verkünsteln. Produzent Adi Mhanna (der auch schon für Tinariwen arbeitete) hat verstanden, dass Tradition kein Museum ist, sondern ein lebendiger Organismus. „Essam“ bedeutet übrigens „Verbindung“ – und genau das gelingt hier: Die Verbindung zwischen Vergangenheit und Zukunft, zwischen Wüste und Welt, zwischen Gitarre und Synthesizer. Manchmal wirkt das Album ein wenig unruhig, als würde die Band noch nach der perfekten Balance suchen. Aber gerade dieser Mut zur Unvollkommenheit macht „Essam“ so spannend. Moderne Touareg-Musik, die ihren eigenen Weg geht.

