Die Irin macht aus Country-Musik ein Statement – persönlich, politisch, brilliant
Wenn eine Irin ein Album „Euro-Country“ nennt, dann ist das mehr als ein cleverer Titel – es ist eine Kampfansage. Ciara Mary-Alice Thompson, besser bekannt unter ihrem Akronym CMAT, spielt hier auf drei Ebenen: Es ist die Art Country, die sie macht (mit irischem Akzent statt Nashville-Hochglanz), es geht um Irland als europäisches Land, das vom Euro regiert wird, und es ist eine wütende Abrechnung mit dem Kapitalismus. Dass all das verpackt ist in zwölf Songs, die sich gleichermaßen zum Tanzen wie zum Weinen eignen, ist die eigentliche Meisterleistung.
Schon der Titeltrack beginnt mit einem Statement: 45 Sekunden auf Irisch gesungen – was der BBC zunächst zu heikel war und erstmal rausgeschnitten wurde. CMAT lässt sich aber nicht mundtot machen. Mit ihrer wandlungsfähigen Stimme, die mal an Stevie Nicks, mal an Lana Del Rey erinnert, singt sie über die Folgen des keltischen Tigers, über Identitätsverlust und die Tristesse einer Heimat, die zur Shopping Mall verkommen ist. Dabei klingt das nie schwerfällig oder akademisch, sondern federleicht, verspielt und zutiefst menschlich.
Die musikalische Bandbreite ist beeindruckend: „Take A Sexy Picture Of Me“ ist ein mit Wall-of-Sound-Produktion veredelter Pop-Song über Sexualisierung und die Erwartungen an junge Frauen – eingängig wie eine Charthymne, dabei messerscharf in der Analyse. „The Jamie Oliver Petrol Station“ beginnt als innerer Monolog über einen Tankstellen-Besuch und eskaliert in ein veritables Indie-Rock-Gewitter aus Selbstzweifel und sozialer Überforderung. Und „Lord, Let That Tesla Crash“ ist – entgegen aller Tesla-Häme-Erwartungen – eine zutiefst bewegende Trauerballade über den Tod eines engen Freundes.
Was CMAT von vielen ihrer Kolleg*innen unterscheidet: Sie schafft es, große Gefühle mit beißender Selbstironie zu verbinden, ohne dass eines das andere kleinmacht. Sie singt über Schönheitsideale, Kapitalismuskritik und persönliche Verluste mit der gleichen Ernsthaftigkeit – und schafft es trotzdem, dass man bei Songs wie „When A Good Man Cries“ oder „Three Six Foive“ (der Titel spielt mit ihrem County-Meath-Akzent) mitwippen möchte. Die Produktion von Oli Deakin verzichtet bewusst auf Nashville-Politur, setzt stattdessen auf organische Arrangements mit Pedal Steel, Fiddle und dezenten Breakbeats.
Am Ende ist „Euro-Country“ genau das, was CMAT selbst über das Album sagt: das Beste, was sie je gemacht hat. Ein Album, das Country-Musik neu denkt, ohne die Tradition zu verraten. Das persönlich und politisch zugleich ist. Und das nebenbei noch beweist, dass diese rothaarige Irin mit dem Hang zur Selbstironie eine äußerst spannende Songwriterin ihrer Generation ist. Dass sie hierzulande immer noch als Geheimtipp gilt, ist fast skandalös. Aber das wird sich hoffentlich ändern.

